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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 571

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache
Date
1924-01-01
Page
571 (sequence 6)
Language
German
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Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache 57i Schaft eine lebendige Seele hineingegossen, und es bestand die Aussicht, daß sie sich etinst, wenn die Zeit erfüllt und neue Geistesgrößen erstanden sein würden, auf die Stufe eines nationalen Besitzes erheben werde. Weil aber die Sprache ihrer Schöpfungen die Sprache des ganzen Volkes war, darum war auch ihre Einwirkung unvergleichlich umfassender als die Wirkung derer, die ihre Wissenschaft in fremder Sprache schrieben. Politische Grenzen konnten hier das Zusammengehörige nicht trennen. Von jenen Männern ging eine ständige Wechselwirkung aus und drang in alle Teile der jüdischen Literatur und ihrer Schöpfer, in alle ihre Arten und Zweige ein, und alle zogen Nahrung und Nutzen voneinander. Die Namen der Gelehrten und Forscher Luzzatto, Krochmal und Rapaport wurden von allen jüdischen Gebildeten Rußlands verehrt und die Namen der Schriftsteller und Dichter Lebensohn-Vater, Mapu und Lebensohn-Sohn waren auch den Gebildeten außerhalb ihres Wohnlandes teuer. Beide schrieben einander gelehrte und literarische Briefe, befruchteten einander mit Rat und Hilfe und regten sich zu schöpferischer Tätigkeit an. Die Dichtung Israels, jenes sichtbarste Zeichen des Lebens des Volkes, und die Wissenschaft des Judentums standen damals nicht wie zwei sich bekämpfende Feinde einander gegenüber, sondern zwischen ihnen herrschte Freundschaft und Aufrichtigkeit, und häufig geschah es, daß sie untereinander ihre Kunst austauschten: Luzzatto schätzte und verehrte die Poesie und leitete mit seinem Rate die jüngeren Poeten seiner Generation, und die starke Liebe des Gelehrten Schneur Sachs zu de?m jungen totkranken Dichter Micha Lebensohn ist herzergreifend. Und weil ferner jene Gelehrten, die in der Sprache ihres Volkes schrieben, ihre Worte grundsätzlich ins Volk hinein, nicht nach außen richteten, bedrückte sie nicht die Furcht, was die Nicht juden dazu sagen werden, und ihre Wissenschaft brauchte sich weder mit Rücksicht auf die Apologethik noch für die Zwecke der Prahlerei umzufälschen. Ihre Wissenschaft konnte völlig frei sein, frei nach jeder Richtung, selbst frei von jedem Prahlen mit der Freiheit selbst, deren Quelle meist auch nur Knechtschaft, Knechtschaft der Seele ist. Ich habe nicht die Absicht, Vermutungen anzustellen und rückwärts zu prophezeien, wie jetzt das Judentum aussähe, wenn auch im Westen der Weg des Hebräischen gangbar geblieben wäre. Zum Unglück für das ganze Volk hatte das Hebräische dort keinen Bestand. Der Prozeß der Überfremdung des hebräischen Geistes und seine innerliche Überwindung, die, in Deutschland Apostel und starke Wortführer wie Zunz, Geiger und ihre Genossen fand, breitete sich dort von Gemeinde zu Gemeinde, von Provinz zu Provinz wie ein unheilbarer, fressender Aussatz aus. Einmal muß die Wahrheit ausgesprochen werden, und sie lautet: nach 150 Jahren eines Lebens in Ruhe und Freiheit, umfassender Bildung, Gleichberechtigung und Staatsbürgerschaft, jüdischer Wissenschaft, Kirchlichkeit, Reformen und Hyperreformen, Predigern und Gebetbucherneuerern, strenger Orthodoxie, Rabbinerschulen und Gesellschaften, wie ,,Mekize Nirdamim" — nach all dieser reichen Fülle einer Entwicklung liegt das westliche Juden-

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