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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 570

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache
Date
1924-01-01
Page
570 (sequence 5)
Language
German
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57<> Chaim Nachman Bialik: allein, die die Kraft Israels noch erhält und ihm das Recht gibt, sich Träger dieser Lehre zu nennen. Wer dagegen die schriftliche Lehre aus ihrem lebendigen Zusammenhange reißt, in die geistige Sphäre einer fremden Sprache bringt und sich dann noch rühmt, daß er die Wissenschaft des Judentums aufbaue, der betrügt sich nur selbst. Wissenschaft des Judentums? Ist nicht von diesem Standpunkte aus beispielsweise auch die Wissenschaft eines Wellhausen, Schürer und Delitzsch Wissenschaft des Judentums? Und wenn dem so ist — was soll dann diese ganze Anstrengung, diese ganze Großtuerei? Soll doch Delitzsch in die Posaune stoßen! Jedoch haben selbstverständlich nicht alle diejenigen, die unter den Späteren am Aufbau der Wissenschaft des Judentums mitgearbeitet haben, jene Sünde begangen. Es gibt welche unter ihnen, die den Kampf um die Gleichberechtigung mit den Genossen im Westen nicht mitgemacht und sich nicht beeilt haben, um diesen Preis das kostbarste Gut ihres Volkes preiszugeben. In den Ländern des Südens und Ostens zum Beispiel erstanden der Wissenschaft des Judentums in ihrer Frühzeit einzelne Persönlichkeiten von besonderem Glänze, von Tiefe und Begabung wie S. D. Luzzatto, Nachman Krochmal, S. I. Rapaport und andere, die aus zartem, nationalen Gefühl mit aller Kraft an der Sprache ihres Volkes festhielten und den ganzen Inhalt ihres Geistes und die Früchte ihrer Lebensarbeit in sie einschlössen. Männer von Herz und Gemüt wie diese, die in ihrer Mehrzahl weder Rabbiner, noch ,,Seelsorger*% noch diplomierte Handwerker der Wissenschaft, sondern einfach Gelehrte waren, die für die Thorah ihr Leben hingaben und sie selbst in der Not aufrecht erhielten, dachten sicherlich niemals auch nur im entferntesten daran, daß eines Tages die Wissenschaft des Judentums entwurzelt werden könne, und wenn sie sich aus dem Grabe erhöben und sähen, was aus dem Kinde ihrer Liebe schließlich geworden ist und was für ein Aussehen jetzt die Enkelin, das Judentum des Westens hat, würden sie sicherlich ihr Gewand zerreißen und sich im Staube winden. Wie dem auch sei, dadurch, daß jene Geistesgrößen das Zelt ihres Schaffens an das Heiligtum der Schöpferkraft ihres ganzen Volkes anlehnten, findet man auch in ihren trockenen wissenschaftlichen Worten noch eine Spur von Jugendfrische, einen Wohlgeschmack, ein starkes hebräisches Gefühl, von dem auch nicht eine Spur in den Schöpfungen jener vorhanden ist, die die Wissenschaft des Judentums in die Kultur einer fremden Sprache hineingegossen haben. Das hebräische Herz schlägt noch stark in ihren Schöpfungen. Man spürt, daß die Verfasser dieser Werke ihren Sinn nicht nur auf einen einzelnen Stamm Israels oder auf eine begrenzte Zahl von Zunftgelehrten, sondern auf die ganze jüdische Gemeinschaft in allen ihren Teilen gerichtet hatten, und man spürt ferner, daß sie ihre Wissenschaft nicht nur als Wissenschaft schufen, sondern sich bemühten, sie auf die Stufe einer Lehre zu erheben, jenes erhabenen nationalen Begriffes, der die ganze Welt des Volkes in sich schließt. Die Erforschung der Vergangenheit war ihnen nicht als Selbstzweck teuer, sondern weil sie sich in ihrem Herzen mit der Gegenwart und Zukunft Israels zu einer Einheit verband. Deshalb war in diese Wissen-

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