Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 569 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache 569 schaft sind dem Wandel unterworfen, selbst „die Gebote derThorah werden dereinst aufgehoben werden", und wenn es eine Hoffnung auf ein „Fortleben der Seele" und ein „ewiges Leben" gibt, so ist doch auch dies nur möglich in der Form und mittels der Sprache. Was aber ist denn die Sprache selbst anderes als Geist, der sich verdichtet und Form angenommen hat? Mag ein Jude auch alles leugnen, wenn sein Geist noch von der Sprache seines Volkes beherrscht wird, in seinen Adern ihr Rhythmus strömt, so ist er notgedrungen mit unserem Stammvater Abraham verbunden. Ob er will oder nicht, dient er dem geheimnisvollen Herrscher des Volkes und beugt sich vor den Gestalten seines Denkens und Fühlens, weil mit der Sprache zugleich der Extrakt des geistigen Lebens aller Generationen ihm in Fleisch und Blut übergeht. Diejenigen aber, die den Geist ihres Volkes nackt ausziehen und für die Assimilation vorbereiten, die schließlich zur Auflösung führt, heißen, mögen sie selbst die ganze Thorah anerkennen, doch „Abtrünnige im Geiste". Der Schaden, den das „Judentum in der Übersetzung" angerichtet hat, war immer größer als der Nutzen, den es brachte. Nicht umsonst erzitterte Palästina im Umkreis von 400 Meilen wegen des Thargum Jonathan, nicht umsonst verdunkelte sich die Welt im Augenblick der Entstehung der Septuaginta. Jener Tag, so erzählt die Haggadah, war für Israel ebenso schlimm wie der Tag, an dem das goldene Kalb verfertigt wurde. Wie? Nur wie der Tag des goldenen Kalbes? „Wie der Tag, an dem Jerobeam beide Kälber aufstellte", müßte es heißen. Beide Taten hatten den gleichen Sinn und das gleiche Ergebnis. Sorgsame Prüfung ergibt: die innere seelische Beziehung zwischen dem Menschen und seinen geistigen Inhalten, das tiefe und verborgene Band zwischen beiden wird nur durch die Sprache geknüpft, die sich von den Eltern auf die Kinder, von Generation zu Generation vererbt. Sie ist die wahre mündliche Lehre, die der schriftlichen ewiges Leben verschafft und stündlich neues Licht über sie ausgießt. Durch die Sprache strömt der lebendige warme Atem der Nation stündlich und minütlich in die schriftliche Lehre ein, um sie zu beleben, zu erneuern und zu erhöhen. Ohne die Sprache, die im Herzen lebt, gibt es für die Schrift kein Leben, kein Wachsen und kein Blühen, keinen Aufstieg im Geiste. Wenn es in der Bibel heißt: „Denn auf Grund dieser Worte habe ich einen Bund mit euch geschlossen", so ist damit die mündliche Lehre gemeint. Und von ihr heißt es ferner in der heiligen Schrift: „Denn dies ist eure Weisheit und Einsicht in den Augen der Völker". Die schriftliche Lehre, einschließlich des Thalmuds und der späteren Literatur, die bereits ganz „Vergangenheit" geworden ist, in Pergamenten versiegelt ruht und als Objekt der trockenen wissenschaftlichen Forschung und Erläuterung dient, ist bereits nicht mehr alleiniger Besitz Israels, sondern gehört allen Völkern der Erde an; und gibt es für das „Judentum in der Übersetzung" ein größeres Verdienst, als daß diese Lehre von den Völkern erklärt und erforscht wird? Was aber gibt dann diesem Judentume das Recht, den Namen Israels im Zusammenhang mit dieser Wissenschaft zu nennen? Die seelische intime Berührung mit der lebendigen Tradition, jenes Imponderabile, das unübersetzbar ist, sie ist es