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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 568

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache
Date
1924-01-01
Page
568 (sequence 3)
Language
German
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568 Chaim Nach man Bialik: Tages. Sie ließen sich zwar nicht davon abhalten, ihre Werke auch in fremder Sprache zu schreiben, aber ihre Hauptschöpfungen und besonders diejenigen, die für das ganze Volk, für alle seine Teile in der Zerstreuung bestimmt waren, wurden hebräisch, in der Sprache des ganzen Volkes verfaßt. Und auch bei denjenigen Werken, die ursprünglich in fremder Sprache geschrieben wurden, achteten die Verfasser oder ihre Zeitgenossen, sobald erst das Volk ihren Wert erkannte, darauf, sie ins Hebräische zu übersetzen. Jedenfalls gaben sie die hebräische Sprache keineswegs auf, geschweige denn, daß sie sich von ihr konsequent und systematisch aus äußerem Drange und fremden Ursachen mutwillig loslösten. Ganz anders die Späteren. Sie fielen von der Sprache ihres Volkes mit Bewußtsein und in freier Wahl ab. Sie verleugneten die Sprache grundsätzlich. In ihrer Sucht nach jämmerlicher Gleichberechtigung scheuten sie sich nicht, mit eigener Hand den einzigen Fuß zu zerbrechen, der an unserem nationalen Throne noch übrig geblieben war, und erkannten nicht, daß es für ein Volk kein höheres Gut, keinen größeren Reichtum gibt als das Denken und Schaffen in seiner eigenen Sprache. So schufen sie uns die scheußliche Mißgeburt, jenes Mischprodukt, eine Schöpfung des Westjudentums, das man ,,Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache" nennt, jenes Produkt, für das es kein Paradigma in irgend einer Nation oder Sprache gibt. Zu unserer leiblichen Zerstreuung trat so auch die geistige Auflösung hinzu: die einheitliche jüdische Seele wurde in zehn Stücke zerrissen und aus der einen Lehre Israels wurden 10 Lehren. Eine eiserne Wand trennte nun den Geist des Volkes von seinem Genius, und die Stimme des einen drang zum Ohr des andern nur noch durch die dicke Wand einer fremden Sprache. Die Einheit des Geistes wurde so in Israel zerstört, die Konzentration und das Zusammenströmen der schöpferischen Kräfte der Nation in ein Becken hörte auf. Die Gemeinschaft Israels löste sich wieder, wie in den Tagen der Wüstenwanderung, in eine Vielheit von Stämmen auf. An Stelle der geistigen Tätigkeit eines Volkes, die ganz unter den Fittichen seines Genius gesammelt, zwar weit verzweigt und vielgestaltig war, aber doch schließlich als eine einheitliche starke nationale Schöpfung von ganzem Wuchs angesehen werden konnte, an Stelle einer solchen ganzen, einheitlichen Leistung findet man nunmehr nur noch zerstreute Partikel, Tropfen und Bruchstücke der Leistungen einzelner Stämme, die man nicht mehr zusammenrechnen kann. Indem jene Späteren irgendein abstraktes Judentum erfanden, eine Seifenblase,, ein Ding ohne Körper oder Körperähnlichkeit, sahen sie in der Sprache ihres Volkes nur noch ein für den Inhalt nebensächliches Gefäß, ein Gewand, das man wechseln kann, und bedachten nicht* daß die Sprache selbst das einzige geistige Abbild eines Volkes, das einzige Reale dieses Geistes ist. Wenn ein Volk überhaupt irgend einen eisernen Besitz, einen ewigen Besitzgrund hat, der nicht vernichtet und nicht geraubt werden kann, so kann dieser nur seine Sprache sein. Sie ist der „Baum des Lebens", der ewigen Bestand hat, sie das feste Kapital; aller übriger Besitz sind nur Zinsen, die sich aufzehren. Glaube und Wissen-

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