Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 567 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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\ Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache 567 Aufruf zur Umkehr, zum Gedanken der Umkehr gegenüber jener großen, unerträglichen Sünde, die das Westjudentum und seine Führer fast drei Menschenalter hindurch an einem der köstlichsten Besitztümer des jüdischen Volkes, an der hebräischen Sprache, begangen haben. Ich möchte Ihnen meine Meinung rückhaltlos sagen: wenn man alle unsere nationalen Sünden in die eine Schale einer Wage täte und die Sünde an der Sprache in die andere, so würde die zweite herabsinken. Denn hier ist eine Todsünde begangen worden, für die es keine Sühne gibt. Ich will durchaus nicht übertreiben; aber der Tag, an dem die schöpferische Kraft des Judentums wurzellos wurde und sich für dauernd in das Gewand fremder Sprachen kleidete, dieser Tag erscheint mir schlimmer als beide Tempelzerstörungen zusammen. Er erscheint mir wie ein Tag, an dem sich der Genius Israels von Israel entfernte. Von einem Volke, das die Verbindung mit seiner Sprache gelöst hat, bezweifle ich, daß noch eine Heilung für es möglich ist. Es hat seine heiligtse Verbindung zerstört; es hat mit eigener Hand das letzte Band zwischen sich und seinem Genius, dem heiligen Geiste, zerrissen. Für alles gibt es einen Ersatz, nur für die Sprache nicht. Denn jeder Einsichtige erkennt, daß jede Gruppe von Juden, in der die Sprache wurzellos geworden ist, dem Untergang entgegengeht. Sieht so nicht auch das Westjudentum den Untergang an der Schwelle seines Hauses stehen? Jedoch es ist wahr: das Westjudentum unserer Zeit begeht nicht als erstes diese Sünde. Schon das Volk des ersten Exils verstrickte uns in die Sünde gegen die Sprache, die wie ein fressendes Geschwür ist, und sie verfolgt uns nun wie ein böses Tier durch alle Generationen. Von den Tagen des Buches Daniel bis zu den Alexandrinern und von da bis Saadja, Gabirol, Jehuda Halevi, Maimonides und ihren Nachfolgern bohrten sich die fremden Sprachen wie Dornen in unseren Körper, um unsere Seele halb aufzuzehren und unsere schöpferische Kraft in Partikel aufzulösen. Am erstaunlichsten aber ist, daß fast alle diese ,,Sünder4* ihre Sünde und die Schwere der Gefahr, in die sie die Nation gebracht haben, wohl erkannten und dennoch weiter sündigten. Unter dem Einflüsse der Alexandriner bildete sich ein ganzes System für die Heiligung der hebräischen Sprache und ihrer geheimnisvollen Kraft heraus; Saadja in der Einleitung zu seinem Wörterbuch („Agron"), Gabirol in seinem ,,Halsband", Jehuda Halevi in seinem „Kusari", sie alle verurteilen ihre Zeitgenossen wegen der Aufgabe der Sprache. Maimonides beklagt in einem seiner Sendschreiben, daß er den ,,Moreh Nebuchim" nicht hebräisch geschrieben habe, um ,,das geraubte Gut seinen Eigentümern zurückzugeben". Sie alle kannten ihre Sünde, klagten laut über sie — und ließen doch nicht von ihr ab. Trotzdem ist der Unterschied zwischen den Früheren und den Späteren sehr tief. Die Früheren nahmen zu dem Übel nur in geringem Maße ihre Zuflucht, indem sie sich zugleich an den Grundsatz hielten: „Lies die Bibel zweimal im Urtext und einmal in der Übersetzung". Die fremde Sprache diente ihnen so nur als eine Art Ansatz und Stütze für das Hebräische, und sie erlaubten sich ihre Verwendung nur aus Zwang und für die Bedürfnisse des