Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 565 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Deutsche und Juden 565 weil es unerlaubt ist, sich mit dieser Verzweiflung gegen den Zugriff Gottes und der Natur zu sträuben. Darin liegt eine Überschätzung des eigenen Seins, die zur religiösen und schon vorchristlichen vorhandenen Grundentscheidung des Deutschtums in unversöhnlichem Widerspruch steht. Bei alldem steht auf Seiten des Juden ein ungeheurer Vorteil; nämlich der, daß er den Endzweck alles besonderen Lebens, zum festen, ruhenden Sein zu kommen, für sich als erreicht betrachten darf. Wir stehen demgegenüber auf der Seite des Werdens, wir sind eine Unrast, ein Streben, ein Sehnen, ein Wandern. Der Jude darf beanspruchen, am Ziel zu stehen, wir können uns höchstens als Weg betrachten. Und wenn dieses Unterwegs ein Minder wäre gegenüber dem Ziel, dann wäre das Deutsche ein Minder gegenüber dem Jüdischen, und jener Gegensatz, von dem ich sprach, würde sich letzten Endes doch zu unseren Ungunsten bewerten. Aber gerade hier bricht der Streit von neuem aus. Der deutsche „Weg" liegt nicht vor dem jüdischen „Ziel", sondern führt über es hinaus. Der Deutsche muß da dasselbe behaupten wie der Christ. Wir sind eben deshalb auf der Wanderung, weil wir, ich weiß nicht, in welcher unvordenklichen Zeit, jenes Ziel verlassen und uns von neuem auf den Weg gemacht haben. Ein ungestümer Forderer — dessen christlicher Name „Schuld" ist und dessen völkischen Namen ich nicht weiß — trieb uns aus dem Hause unsres Seins hinaus und hieß uns, die größere, die endgültige und uns wahrhaft zugehörige Wohnung suchen. An das Haus des jüdischen Seins hat die Schuld noch nicht angeklopft. Oder sie haben drinnen ihrem Pochen kein Gehör gegeben und haben sich im Hause verbarrikadiert, bis der Forderer abgezogen ist, und blicken daher jetzt noch mit untadelhaft gutem Gewissen aus den Fenstern. (Wenigstens wird dieses gute Gewissen des Seins von der jüdischen Apologie mit der äußersten Hartnäckigkeit behauptet und verteidigt.) Sie sehen den Weg nicht, den wir weitergezogen sind; das Ferne hat für sie kein Ziel und keinen Sinn. Wir aber können den Weg nicht 'leugnen, da wir ihn ja gehen, und das neue Ziel können wir nicht leugnen, da wir es sehen. Daher heißt es dort: Wozu das Wandern in blaue Ferne? Hier ist das Ziel! Und hier: Warum das Bleiben im gekündigten und gefährdeten Haus? Hier ist der Weg ins Freie! Das ist die Fremdheit zwischen Deutschen und Juden. Zwei verschiedene Welttendenzen und zwei verschiedene menschheitliche Lebensstufen treten voreinander hin. Sie können sich gegenseitig nicht anerkennen, weil sie einander widerlegen. Sie widerlegen sich wie Todesbereitschaft und Lebensanklammerung, Freiheit und Knechtschaft, Glaube und Erkenntnis, Wanderschaft und Seßhaftigkeit, Selbstvergessen und ständige, furchtbare Besessenheit vom Bewußtsein. Endlos wäre noch darüber zu sprechen. Aber ein höheres Interesse verlangt zum Schlüsse das Wort. Diese Unmöglichkeit gegenseitiger Anerkennung hat mit dem bürgerlichen Zusammenleben im Staat nicht das Mindeste zu tun. Die Nationen sind übervoll von Widersprüchen ähnlicher Art. Auf die Spitze getrieben,