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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 564

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Deutsche und Juden
Date
1924-01-01
Page
564 (sequence 4)
Language
German
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564 Wilhelm Michel Aber noch die elende weißlackierte Gartenbank, die grelle, gläserne Ordnung, die ein deutsches Grab verunziert, zeugen von dem Willen, den Tod ins Leben einzubeziehen, den Todesgarten für den lebenden Menschen bewohnbar zu machen. Der Tod als der entschiedenste Ausweg über das Ich hinweg gehört so innig zur Landschaft der deutschen Seele wie die Unendlichkeit des Himmels und der Natur zum Haus und Garten, die wir bewohnen. Und zwar steht hier „Tod'* als stellvertretender Begriff für alles, was jenseits der Dämonie des Lebenwollens liegt: für allen wahren Aufschwung des Denkens und Handelns, für alle Hingabe, für alle Frömmigkeit und Selbstentäußerung, für alle arglose Liebe, für alle ,,evulsive Gebärde", die ein menschliches Leben irgend entfalten kann, im Gegensatz zur Gebärde „invulsiven" Sinnes, die mit raffender Bewegung alles zum Ich heranholt.1) Vielleicht empfiehlt es sich überhaupt, das mißverständliche Wort Tod etwas in den Hintergrund zu schieben und das jüdische axdvöaXov zu bestimmen als die Gegenwehr gegen die wandelnden, umbildenden Kräfte, als das nicht Eingehenwollen in das Geschick der Sterblichen, als jene Verhärtung gegen das große Strömen, die zu leugnen scheint, daß Gott übera 11 ist, und im Werden vielleicht inniger als im Sein. Für den Geist, den ich hier vertrete, verliert gerade das, was selbst Feinde gelegentlich am Juden zu preisen wissen, seinen Anspruch auf Verehrung: diese starre Verkrustung, die das jüdische Volk bis heute als eine volkähnliche Gemeinschaft erhalten hat und die den Einzelnen feit gegen den Weitergang ins Christliche und gegen die „Assimilation". Ich kann es von meinem Standpunkt aus nicht preisen, daß das Judentum die frömmste Äußerung, das Sich-Hingeben an die tausend Lockungen Gottes, mit Vorurteilen von geradezu schauerlicher Wildheit belastet. Auf den verehrungswürdigsten geschöpflichen Gehorsam, auf das Mitschwingen in den Takten des größten Geschehens hat es den Makel des Wortes „Assimilation" gelegt. In diesem blechernen, erbärmlichen Wort liegt schon der Angriff auf das Grundlegende des deutschen Lebensgefühls: das lebendigste Verhalten wird zu einem mechanischen Angleichen, zu einer Art Mimicry und Betrug gestempelt. Hier treten — ich verliere dabei keinen Augenblick die gehäufte Mitschuld unseres Volkes aus dem Bewußtsein — deutsches und jüdisches Lebensgefühl scharf auseinander, und nur die beiderseitigen Nationalisten werden sich über diesen Punkt verständigen können. Ich fasse es durchaus als welthistorischen „Skandal" auf, daß es heute noch ein volkähnliches Judentum gibt; nicht weil uns dieses mechanisch stört — denn für das Deutschtum, das ich ausspreche, bietet das staatliche und gesellschaftliche Zusammenleben mit Juden nicht die geringste Schwierigkeit — sondern x) Natürlich bleibt das Evulsive dem Judentum keineswegs durchaus fremd. Das Auflodern der große Propheten und der Psalmensänger ist wunderbar,^ und in der jüdischen Mystik begibt sich vieles, was den jüdischen Lebensraum sehr bedeutend erweitert. Aber Ich muß der Ehrfurcht vor all diesem Großen doch die Einschränkung abringen, daß in ihm zwar ein gewaltiges Ausgreifen, nicht aber der entscheidende Durchbruch in den absoluten Raum erfolgt.

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