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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 566

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Deutsche und Juden
Date
1924-01-01
Page
566 (sequence 6)
Language
German
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566 C h aim Nachman Bialik: müßten sie jeden Staat, jede Stadt, jedes Haus zersprengen. Die Geister, die in uns leben, sind vielfältig entzweit. Ginge man allen Dämonen auf den Grund, so wäre jede menschliche Gemeinschaft bedroht. Über menschliches Zusammenleben entscheiden Gesetze und sittliche Tugenden. Was sich im tieferen Lebensgrund unversöhnlich bestreitet, findet sich unter sittlichen, bürgerlichen, praktischen Gesichtspunkten tausendfach vereinigt. Hier fallen ganz unzweideutige Entscheidungen; ihnen das Ohr verschließen, heißt Befangensein in elender, menschenunwürdiger Gespensterei. Und so wiederhole ich: Es gibt keine Judenfrage. Es gibt eine Frage des Judenhasses. Seine Gesinnung ist nicht einmal menschlich, geschweige denn deutsch. Sie ist sogar aktiv widerdeutsch, weil sie eben von jenem Hinströmenden, Liebenden und Opfernden, das den Kern der deutschen Tendenz ausmacht, nichts wissen will. Die Forderung des Allliebens, die im höchsten Ernst an den Deutschen ergeht, verlangt nicht, daß wir eine erkannte Fremdheit verleugnen, sondern ihr gegenüber erst recht in der Unschuld der uns eigenen Lebensregung verharren. Das Trennende ist das Selbstverständliche. Aber das eigentlich menschliche Verhalten beginnt da, wo die einfache sittliche Forderung über das Trennende den Sieg erkämpft. CHAIM NACHMAN BIALIK/JÜDISCHE WISSENSCHAFT IN FREMDER SPRACHE Ein Brief an die Herausgeber des „D'wir". Geehrte Herausgeber des D'wir! Auch ohne daß ich es besonders betone, werden Sie verstehen, daß ich Ihre Ankündigung über die bevorstehende Herausgabe Ihrer Zeitschrift nicht lesen konnte, ohne den alten Segensspruch ,, Sehen echejonu" zu sprechen. Bedenken Sie bitte: eine der jüdischen Wissenschaft gewidmete Zeitschrift, die hebräisch geschrieben ist, von westjüdischen Gelehrten herausgegeben wird und in Berlin erscheint — ist dies nicht ein Zeichen der Zeit? Ist dies nicht ein großes Ereignis, ein Ereignis, das man begrüßen muß? Ja ich scheue mich nicht, zu bekennen: schon die Ankündigung Ihres Planes, aber mehr noch seine Verwirklichung erschien mir nicht nur als eine einfache Nachricht, als die bloße Mitteilung von der Gründung eines neuen literarischen Unternehmens, sondern als eine Botschaft, daß in die Kreise der westjüdischen Gelehrten ein neuer Geist eingezogen ist; erschien mir wie der Anfang einer geistigen Revolution, wie ein leidenschaftlicher

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