Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Uriel da Costa
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 558 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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558 Umschau: Geschichte ihn! Man berief mich vor den großen Rat.. ." („Beispiel", S. 131). Sieben Jahre hat Da Costa in der neuen Vereinsamung ausgehaltenl Sieben Jahre hat er gelebt, angefeindet, gehetzt, ohne Mittel, ohne Freund. Seine Verwandten ließen sich die Mühe nicht verdrießen, ihm zuzureden, wieder ins Judentum einzutreten, sich dem Spruch der Richter zu unterwerfen. „Unterwirf Dich, wir sind ja alle Priester; Du darfst nicht glauben oder fürchten, daß wir schimpflich mit Dir verfahren werden. Sag nur endlich einmal, Du seist bereit, alles zu erfüllen, was wir Dir auferlegt haben, und überlaß uns dann alles weitere, und wir werden schon alles machen, wie es recht ist." („Beispiel", S. 133). Sieben Jahre hat Da Costa den Lockungen und den Martern des Verführers widerstanden, schließlich unterwarf er sich. Zum zweitenmal wird Uriel seiner Sache untreu; getrieben von Not, Hunger und Entbehrung, streckt er die Waffen und ergibt sich. Dies bedeutete Anerkennung des Rabbinats als Gerichtshof. Und dieser Gerichtshof erkennt auf die furchtbarste Strafe, die er hat. „Jetzt schenkt mir Eure Aufmerksamkeit, alle, denen Ehrgefühl, Einsicht und Menschlichkeit eigen ist, und überlegt wieder und wieder mit gespannter Aufmerksamkeit, was für ein Urteil jene gegen mich vollstreckt haben, Privatleute, Untertanen einer fremden Macht, ohne jedes Verschulden von meiner Seite. Ich trat in die Synagoge ein, die voll von Männern und Frauen war, denn sie waren zu dem Schauspiel zusammengeströmt. Sobald es an der Zeit war, bestieg ich die Holzestrade, die für die Predigt und andere gottesdienstliche Handlungen mitten in der Synagoge ist, und las mit lauter Stimme eine von ihnen aufgesetzte Schrift, in der meine Beichte enthalten war: ich sei wert, tausendfachen Todes zu sterben für das, was ich begangen, nämlich Sabbathschändung, Untreue gegen den Glauben, den ich so schwer verletzt, daß ich sogar anderen den Eintritt in das Judentum widerraten hätte; zur Sühne wolle ich mich ihrer Verfügung unterwerfen und alles erfüllen, was man mir auferlegte; im übrigen verspräche ich, in derartige Frevel und Verbrechen nicht mehr zurückzufallen. Nach dem Lesen stieg ich von der Estrade herunter, und der Vorsitzende der Gemeinde trat an mich heran, um mir ins Ohr zu flüstern, ich möge mich in irgend einen Winkel der Synagoge stellen. Ich begab mich in einen Winkel, worauf mir der Synagogendiener sagte, ich solle mich entblößen. Ich entblößte meinen Leib bis zum Gürtel, band mir ein Tuch um den Kopf, legte die Schuhe ab und streckte die Arme aus, indem ich mit den Händen eine Art Säule erfaßte. Der Synagogendiener kam hinzu und band mir die Hände mit Stricken an jene Säule. Hierauf kam der Vorsänger hinzu, und nachdem er eine Lederpeitsche erhalten, versetzte er mir der Tradition gemäß 39 Schläge an die Seiten, denn das Gesetz bestimmt, die Zahl 40 nicht zu überschreiten, und da diese Leute so gewissenhaft und genau sind, nehmen sie sich in Acht, durch Überschreitung der Zahl sich zufällig einmal zu versündigen. Während der Schläge wurde ein Psalm gesungen. Nachdem das erfüllt war, setzte ich mich auf den Boden, der Prediger oder Weise (wie lächerlich sind doch die menschlichen Dingel) kam zu mir und löste mich von dem Bann, und damit war mir schon die Pforte des Himmels aufgetan, die vorher mit dem stärksten Riegel verschlossen war und mich von Schwelle und Eingang ausgeschlossen hatte. Danach legte ich meine Kleider wieder an, ging zur Schwelle der Synagoge und streckte mich dort nieder, während der Synagogendiener meinen Kopf stützte. Dann schritten alle beim Ausgang über mich hinweg, indem sie den Fuß erhoben und über meine Unterschenkel hinwegschritten, und alle taten es, Knaben wie Greise (kein Affe könnte den Menschen ein abgeschmackteres Treiben oder lächerlichere Gesten vorführen)." („Beispiel", S. 133). Uriel Da Costa ist nicht mehr. Von dem Augenblick an, da er diese furchtbare Erniedrigung erleben mußte, ist seine Kraft gebrochen. Er hat keine Zuflucht mehr: Judentum und Christentum sind ihm, dem doppelten Häretiker, verschlossen, seine eigene Moral hat er mit Füßen getreten. Gekränkt in seinem Tiefsten, gezüchtigt vor Augen einer singenden, gedankenlosen großen Gemeinde; das ist zu viel, als daß ein Mensch es ertragen könnte. Da Costa ist zu stolz, ein Gnadenleben hinzunehmen, noch einige Jahre zu vegetieren, und dann, lebenssatt, zu sterben. Da Costa hat noch eine Kraft, noch eine letzte Konsequenz ist ihm gestattet: die des Abschlusses. Wer sein Leben selbst formt, muß auch sein Ende selbst formen. Und dieses Ende ist stolz, ist würdig eines Lebens, von dem wir