Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Uriel da Costa
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Geschichte 557 „In dieser Schrift verunglimpfte mich jener Arzt ausgiebig als einen Anhänger Epikurs — zu jener Zeit dachte ich gering von Epikur und brachte gegen den mir Fernliegenden und Unbekannten auf Grund unbilliger Berichte anderer unbedacht meine Meinung vor; — nachdem ich aber das Urteil einiger Wahrheitsfreunde über ihn und nachdem ich seine Lehre in ihrer wirklichen Gestalt kennen gelernt habe, tut es mir leid, daß ich einmal einen solchen Mann töricht und unsinnig genannt habe, über den ich auch heute noch kein ausreichendes Urteil habe, weil seine Schriften mir unbekannt sind . . ." Mit seiner Schrift, die er unter dem bezeichnenden Namen „Prüfung der pharisäischen Tradition in Vergleichung mit dem geschriebenen Gesetz** veröffentlichte, warder Bruch gegeben. Er hatte keinen Anteil mehr an der „kommenden Welt", das Judentum wandte sich von ihm ab. Ebenso sehr wie das Judentum war aber auch das Christentum in diesen Auslassungen getroffen worden. Und das Unglaubliche geschah: Jusua und Christen vereinigten sich gegen den Ketzer. Die Juden bedauerten (Gebhardt XXXI), daß es in Holland keine Inquisition gebe, daß man also nicht die Todesstrafe gegen Da Costa erwirken könne. Aber man ließ den Sünder verhaften, er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt und seine Bücher vernichtet. „So wurde in Amsterdam die Unsterblichkeit der Seele bewiesen." Diese bitteren Worte legt Kolbenheier (Amor Dei) dem schwergeprüften Ketzer in den Mund. Gleichzeitig zogen die Juden sich von dem Leugner zurück, und etwa zehn Jahre (bis 1633) lebte Da Costa in stiller Einsamkeit. Diese Zeit ging nicht ungenutzt vorüber. Der Apikores Da Costa wird in der Einsamkeit zu einem gefährlichen Gegner der jüdischen Lehre. Wir hatten bisher gesehen, daß die Grundlage von Da Costas Gesinnung die Bibel bildete: die Grundlage seines Glaubens war die Grundlage seines Zweifels. Sein Buch hieß „Prüfung in Vergleichung mit dem geschriebenen Gesetz". Aber wer einmal den Glauben an die jüdische Überlieferung verloren hat, der verliert auch den Glauben an die Basis, an die Göttlichkeit der Thorah. Jene Mischnah-Stelle heißt weiter: „Und der da sagt, die Thorah sei nicht yom Himmel." Über den bedeutsamsten Übergang in seinem Leben, in dem er den Glauben an die göttliche Überlieferung verlor, mag Da Costa selbst sprechen („Beispiel", S. 129— 130): „Später im Verlauf der Zeit, wie Erfahrung und Jahre vieles enthüllen und demgemäß das Urteil eines Menschen wandeln — ich darf, wie gesagt, frei reden, denn warum sollte einer, der gleichsam sein Testament aufsetzt, um den Menschen den Sinn des Lebens und ein wahres Beispiel menschlicher Leiden zu hinterlassen, im Angesicht des Todes nicht die Wahrheit reden dürfen? — da kam mir der Zweifel, ob das mosaische Gesetz wirklich als Gottesgesetz gelten dürfe, denn es gab vieles, was dagegen sprach oder vielmehr sogar das Gegenteil anzunehmen zwang . . ." Und jetzt vollzieht sich mit unheimlicher Logik sein Geschick. Der Zweifler katexochen zweifelt auch an der Moral. Alles hat er durch seinen Zweifel verloren. Getrennt von seinem Volk, einsam in einem fremden Land mit fremder Sprache und unfreundlichem Klima, so lebt er, aber eins behält er: den Glauben an die moralische Kraft seiner Überzeugung. Und jetzt gibt er das Letzte auf und meint, dadurch alles Verlorene wieder zu gewinnen. Er wird seinem Glauben untreu: er will auch einmal Ruhe haben. Da Costa kehrt zurück in den Schoß der jüdischen Lehre, grollend und zweifelnd zwar, aber er verdeckt die verzehrende Flamme, ohne sie löschen zu können. Das Judentum nimmt ihn auf und glaubt, ihm, der im Tiefsten an der Grundlage der jüdischen Religion gerüttelt hat, noch einmal vertrauen zu dürfen. Aber wer nach Tarschisch entfliehen will, wird vom Sturm zurückgebracht. Durch einen Zufall, der dem klein scheinen muß, der an kleine Zufälle glaubt, wird bekannt, daß Uriel noch immer der Leugner ist. Seine Familie, die sich kompromittiert fühlt, wird sein Feind, man unterschlägt ihm sein Vermögen, verhindert eine Heirat, verbittert ihm das Leben. Dazu kam noch ein anderer Vorfall. Zwei Christen, die niemals Juden gewesen waren, wollten Juden werden, aber Da Costa riet ihnen ab. Er wurde verraten und darauf aus der Gemeinde ausgestoßen. „Sofort traten die Vorsteher der Synagoge zusammen, die Rabbiner entbrannten vor Zorn, und die zügellose Menge tobte: Kreuzige, kreuzige