Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Uriel da Costa
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Religionsphilosophie 559 sagen dürfen, daß es trotz aller Fehler und Schwächen ein starkes Leben war. In seinem tiefsten Schmerz schreibt Uriel seine Lebensgeschichte, sprunghaft und dunkel oft — nicht ein einziges Datum gibt er an — aber dennoch klar. Sie zeigt uns, was sie mit ihrem erschütternden Titel andeuten will: „Ein Beispiel menschlichen Lebens". Das Beispiel eines Mannes, der „um der Religion willen im Leben Unglaubliches dulden mußte". Über dieses Buch schreibt Herder (Briefe zur Beförderung der Humanität, Seite 22, Gebhardt, Seite 228): „Die Aufschrift seines Urlaubes aus dem Leben, exemplar humanae vitae, rührete mich von jeher; und so« möchte ein jeder, der von Menschen aus der Welt gedrängt, zuletzt noch einige Worte für Menschen zu schreiben, guten Willen und Kraft hat, sein Exemplar des menschlichen Lebens dem Exemplar des Acosta hinzufügen." Die bisher herangezogenen Stellen mögen diese Schrift genügend charakterisieren. Daß sie von Ausfällen gegen die Juden wimmelt, läßt sich denken, interessant ist nur noch, daß da Costa von der Religion der sieben noachidischen Gesetze spricht, die er bekennen will, da sie weiter nichts enthalten als allgemeine Gebote der Menschlichkeit. Uriel kommt dazu, die Offenbarung abzulehnen, er bildet damit eine Brücke zu Spinoza. In Spinoza sollten sich alle Kräfte entfalten, die das marrannische Judentum bisher bewahrt hatte. Der Große mußte dem Zwiespalt des Marrannentums erliegen, der Riese aber blieb Sieger. Da Costa erschoß sich nach Beendigung seiner Schrift, die Marrannengemeinde ist nicht mehr, Spinoza aber wirkt noch heute mächtig. Da Costa mußte fallen, er starb in bitterem Schmerz, abei unbelehrbar waren und blieben die Neujuden, die ihn in den Tod getrieben hatten. Derselbe Morteira, der 1633 über Uriel den Stab brach, verhängte 1656 den großen Bann gegen Spinoza. Spinoza zerbrach nicht, aber Uriel ging zugrunde. Er war kein Riese, aber er bahnte ein Riesenwerk an. Er war ein Zweifler, der zuletzt den Glauben an sich selbst verlor, aber er hatte den Mut, die letzte Konsequenz zu ziehen. „Ich sage also: ich hätte das Recht gehabt, wenn ich die Kraft dazu gehabt hätte, an ihnen Rache zu nehmen für das harte Leid und das grausame Unrecht, mit dem sie mich überhäuften und wegen dessen mir mein Leben verhaßt worden ist. Denn welcher Mann von Ehrgefühl ertrüge es willig, ein schmachbedecktes Leben zu leben? Und wie jemand gut gesagt hat: Entweder recht zu leben oder in Ehren zu sterben, ziemt dem braven Mann." („Beispiel", S. 137). Da Costa starb in Ehren, aber sein Opfer hat nicht ausgereicht. Man hat Spinoza verfolgt und auch das hat nicht gefruchtet. Eine Schmach aber sollte der Neujudengemeinde von Amsterdam nicht erspart bleiben. Sie, die 1633 Da Costa un^ 1656 Spinoza bannte, wurde 1666 tonangebend für die Juden, Sabbatei Z'wi als Messias anzuerkennen. Die sich stolz gebärdeten, als sie zwei Zweifler richten durften, erlebten die Schande, einem Schwindler zu verfallen. Karl Cohen RELIGIONSPHILOSOPHIE Religiöse Symbolik1) Das Problem des Symbols beginnt bereits mit dem Problem der Spräche und eröffnet von hier aus eine Kette von ungemeinen Schwierigkeiten wie auch von Entwicklungsmöglichkeiten. Geht man der Genese nach, so hat man das methodische Prinzip in den Vordergrund zu rücken, während auf der anderenSeite die Frage nach der Wesenheit eigene Intuition und Einfühlung fordert. Diesen letzten Weg geht Meir Wiener, nicht um die Problematik zu beseitigen, sondern um einer sinnvollen Atmosphäre nachzuspüren, in der sich der Ausdruck des Geistes manifestiert. In zehn lose aneinandergereihten Kapiteln entwickelt er die Spannung zwischen dem abendländischen und orientalischen Kulturkreis; so tritt der jüdische Geist aus der Atmosphäre nicht isoliert, sondern raumgebunden in weitestem Sinne deutlich hervor. Die metaphorische Kultur des Orientalen ist im Gegensatz zur exakten abendländischen zweckbefreites Denken, zweckfrei.es Leben, Handeln und Erkennen. Die Logik wird ausgeschaltet, die Welt von der unbedingten Bezogenheit auf das zufällig eigene Ich befreit: die äußere Welt wird 1) Meir Wiener, Von denSymbolen. Zehn Kapitel über den Ausdruck des Geistes. Benjamin Harz Verlag, Berlin-Wien 1924.