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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 9 · p. 556

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 9
Article
Uriel da Costa
Date
1924-01-01
Page
556 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Geschichte gemeinde von Venedig, die sehr richtig in diesen Thesen einen Angriff gegen die mündliche Überlieferung sah und damit den Kern des Judentums bedroht fühlte. Es ist unzählige Male nachgewiesen worden, daß die jüdische Religion und damit das jüdische Volk ohne die mündliche Überlieferung nicht bestehen kann. Selbst die Karäer sind nicht ohne eine „Kette der Überlieferung*1 ausgekommen. Und alle die schlimmen Feinde der Juden — wir erinnern nur an Jacob Frank und seine Sekte — suchten den Kern des Judentums im Thalmud zu treffen. Hätte man damals dem fragenden Schüler den richtigen Lehrer gestellt, wäre man verständnisvoll auf sein ängstliches Pochen eingegangen, so hätte man ihn, der vom Judentum alles erhoffte, halten können. Seine Grundsätze tragen den Stempel der Unwissenheit an sich, und nichts erscheint leichter, als mit eingehender Genauigkeit diesem Zweifler zu zeigen, daß er als konsequenter Gläubiger des Fünfbuches den Thalmud als bindend anerkennen muß. Nichts davon geschah. Venedig erklärte den Bann gegen den Fragenden und übersandte diesen Bann der Hamburger Gemeinde, wo Uriel sich damals aufhielt. Der Bann trägt die Formel: „Wenn er bei seinen Ansichten beharrt* * — aber was tat man, um ihn von seiner Ansicht abzubringen? Leon Modena, selbst Zweifler und Leugner, Verfasser der gefährlichen Schrift ,,Ari nohem" (s. A. Geiger, Leon Da Modena, Breslau 1856, ferner Graetz X, 120), der aber den Zweifel zu verdecken verstand, so daß wir noch heute nicht wissen, was er glaubte und was er ablehnte, Leon Da Modena schrieb im Auftrage der Venediger Gemeinde seine Schrift „Magen w'zinnah" in hebräischer Sprache, die Da Costa niemals gelesen hat und die infolgedessen wirkungslos blieb. Da Costa wich dem Bann aus und ging nach Amsterdam, wo er in guten Verhältnissen lebte. Offenbar wußte man in Amsterdam nichts von seiner Häresie. Sein Geschick aber mußte sich auch dort erfüllen. In rastlosem Forschen über Lehre und Leben der Neujuden, über alte und gegenwärtige Anschauung, kommt der Zweifler darauf, daß die Unsterblichkeit der Seele dem Sinn der Bibel widerspricht. In der Mischnah Sanhedrin XI, 1 heißt es: „Ganz Israel hat einen Anteil an der künftigen Welt, denn es heißt (Jes. 60): Dein Volk — sie alle sind Gerechte — wird für ewig das Land besitzen, die Frucht meiner Pflanzungen, das Werk meiner Hände, um zu rühmen. Aber jene haben keinen Anteil an der künftigen Welt: der, der da sagt, in der Thorah sei nicht die Belebung der Toten enthalten ..." Und nun macht Da Costa seinen gefährlichen Unterschied zwischen Sadduzäern und Pharisäern, zwischen jenen beiden Parteien, deren Gegensätzlichkeit erloschen war, weil die Sadduzäer untergegangen sind. Er kam aus der Luft des Christentums, das die Juden schimpflich Pharisäer genannt hat und ihnen vorwarf, die heiligen Grundlagen zu fälschen. Uriel Da Costa legt Hand an das Judentum, indem er sagt: „Ihr seid die Pharisäer, die unrechtmäßig die Bezeichnung Juden gepachtet haben, ich, der Sadduzäer, bin der Jude. „Auf Grund der Bibel wird die Unsterblichkeit der Seele widerlegt (Sobre a mortalidade da alma do hörnern). Auf Grund der Bibel beweist e r , der die Bibelauslegungen nicht kannte und kein Hebräisch verstand, — jetzt nicht mehr der bescheidene Schüler — daß die Seele des Menschen sterben muß. Seine Hauptstütze ist Hiob, und er ahnte nicht, daß nach Auffassung der Überlieferung gerade Hiob dahin belehrt wird, daß er falsch redete, indem er vom ewigen Tode sprach. Eine Tatsache lag dem Leugner im Wege: es gibt zweifellos Bücher und einzelne Kapitel der Bibel, die die Unsterblichkeit enthalten. Uriel scheute sich nicht, diese Bücher als Fälschungen zu erklären. Das ganze Buch Daniel sei von den Pharisäern in die heilige Schrift eingeschmuggelt worden. Auch jetzt noch zögerte der Stürmer, seine Ansichten zu veröffentlichen. Aber ein Amsterdamer Marranne, der Arzt Da Silva, hatte von seiner Schrift erfahren und verfaßte — ohne Uriel zu nennen (aus „Rücksicht") — eine Gegenschrift (Tratade da immortalidade). Nach jüdischem Sprachgebrauch bezeichnete Da Silva seinen Gegner als „Apikores". Dieses Wort, ursprünglich in der Bedeutung Epikureer gebraucht, hatte längst diese Bedeutung verloren und bedeutete allgemein „Ketzer". Es ist typisch für Uriels Unwissenheit und verleiht seiner Tragödie einen komischen Anstrich, daß er sich durch dieses Wort veranlaßt sah, folgendes („Beispiel", Seite 128) zu schreiben:

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