Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 9 · p. 555

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 9
Article
Uriel da Costa
Date
1924-01-01
Page
555 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101210-3109648--7343-3109720
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau: Geschichte 555 an. Er kam an die Akademie zu Coimbra, wo er kirchliches Recht studierte und auch die niederen Weihen empfing. Er studierte die Schrift und die Kirchenväter, aber „je mehr ich über ihnen brütete, desto größere Schwierigkeit erwuchs mir daraus. Schließlich verfiel ich in unüberwindliche Verwirrung, Angst und Bedrängnis." Sein typischer Charakterzug ist Angst vor der Verdammnis, ist das Suchen nach dem rechten Weg. Als Grundlage erkannte er die Schrift an, er glaubte damals an die geoffenbarte Religion und hatte Angst vor den Verfälschern. Ein Gefühl sagte ihm, daß die Mysterien der katholischen Kirche doch wohl nicht ganz dem Fünfbuch entsprächen, das am Sinai den Juden übergeben worden war. Nachdem der Zweifel einmal begonnen hatte, ließ er sich nicht mehr beschwichtigen. Gabriel Da Costa greift zu der jüdischen Religion. Er glaubte, daß die Lehren der jüdischen Religion ganz den sinaitischen Geboten entsprächen und „zudem haben dem alten Bund sowohl Juden als Christen Glauben geschenkt, dem neuen Bund nur die Christen". Mit etwa 25 Jahren beschließt er, Jude zu werden. Sein Denken und Trachten ist so sehr von diesem Gedanken ausgefüllt, daß es ihm unerträglich ist, wenn seine nächsten Angehörigen im Unglauben verharren. „Meine Brüder, denen ich in brüderlicher Liebe die trotz manchem Zweifel neugewonnenen Überzeugungen mitgeteilt hatte, ein Wagnis, das für mich sehr übel hätte ausschlagen können, so gefährlich ist es in diesem Lande, über derartige Fragen zu reden." Mit seiner ganzen Familie verläßt er Spanien, gibt sein Haus und sein Amt auf und flieht unter größten Gefahren nach Holland. An einen Glauben, dem zuliebe man alles aufgab, was man besaß, dem zuliebe man in ein fremdes Land floh, dessen Sprache man nicht verstand und dessen Klima man nicht vertrug, durfte man wohl Anforderungen stellen. Da Costa wußte nicht, daß man zur Rückkehr ins Judentum zwar Opfer bringen niuß, daß aber diese Opfer niemals vergolten werden. Und er verlangt das Höchste, was ein Mensch sich wünschen kann: Befriedigung, Ruhe. Auch er will in umhegter Ruhe leben können, ohne bange Zweifel, vertrauend auf die Masse, der er sich angeschlossen, und vertrauend auf das Seelenheil, dessen wegen er den Bruch vollzogen hatte. Aber das Gewissen läßt sich nicht beschwichtigen. Und Da Costas Zweifel entbehren der Grundlage eines dogmatischen Glaubens. Er war nicht mehr Christ und noch nicht Jude. In vollem Glauben an die Göttlichkeit der Bibel (oder wenigstens des Fünfbuches), drängt und quält ihn der Zweifel, ob das heutige Judentum abweiche von dem, was seine Grundlage ist. Uriel ist kein distanzloser Leugner, der — kaum Jude— mit frecher Hand das niederreißt, was ihm nicht paßt; in aller Bescheidenheit arbeitet er vielmehr 1616 zehn „Thesen gegen die Tradition" aus, die er an die Gemeinde zu Venedig schrieb, um sich, der ja noch Schüler war, belehren zu lassen. Als Beispiel mag die dritte These gelten: „These, daß das Einführen von 8 Ostertagen anstelle von 7 eine Änderung und Hinzufügung zum Gesetz ist. 1. Es ist es erstens deshalb, weil die Siebenzahl ein Mysterium birgt, was nicht beachtet wird, wenn man 8 daraus macht. 2. Es ist eine Neuerung im Gesetz. 3. In den Gebeten sagen wir an beiden Tagen „ein solcher Tag", und das kann nur ein Tag sein. 4. Es ist nutzlos und eitel, 8 zu halten, auch darf man nicht sagen, es geschehe aus Zweifel über den Mond — aber nach dem ersten des Monats weiß man den ganzen Monat. Überdies wäre es ebenso notwendig, aus dem Vers öhnungstag zwei Tage zu machen. Zudem dürfte man, wenn der zweite Tag aus Zweifel gehalten würde, an ihm nicht Schaufäden legen, also etwas mehr als am ersten Tag. Kurz, es geschieht, damit wir mehr tun wollen als das, was das Gesetz befiehlt". Hätte Da Costa daran gelegen, Anhänger zu gewinnen, wäre er nicht der bescheiden fragende Schüler gewesen, er hätte diese Schrift veröffentlicht. So aber ist die uns nur aus zwei Gegenschriften erhalten, der hebräischen „Magen w'zinnah" (Schild und Panzer) des Leon Modena und der portugiesischen „Reposta a Gertas propostas Contra a tradizao" des Mose Refael d'Aguilar, die jener 1639 schrieb. D'Aguilar war von der Absicht geleitet, den Verirrten ins Judentum zurückzuführen, schrieb aber zu spät und verfehlte seinen Zweck. Anders war es bei der Sephardim-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.