Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Uriel da Costa
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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554 Umschau: Geschichte den Seeweg nach Indien zu finden, hatte für die Juden Spaniens die Stunde geschlagen. Am 9. Ab (2. August) 1492 verlassen die Treugebliebenen Spanien, nachdem sie vorher eine Zeit fast beispielloser Religionsverfolgungen durchgemacht hatten. Wenige Jahre später wurde die „heilige Gemeinde Jacobs" in Portugal dem Taufbecken überliefert. Leone Ebreo (Abarbanel), der jüdische Philosoph der Renaissance, berichtet in seiner „Elegie über die Zeit": „Als er (Manuel) starb, erstand statt seiner ein närrischer König (Joäo), Er war ein Fanatiker für sein Gesetz, ein leerer Mensch. Er zwang zur Taufe die ganze Gemeinde Jacobs und ließ Mein ganzes herrliches Volk das Gesetz übertreten. Viele töteten sich selbst, um nicht Das große göttliche Gesetz zu verlassen." Die Pyrenäenhalbinsel war zu Beginn des 16. Jahrhunderts stark von diesen Neuchristen bevölkert, die teils gezwungen, teils aus Furcht, die Taufe genommen hatten, im Inneren aber Juden waren. Sie stammten ab von den vornehmsten und stolzesten Juden Europas, die durch die philosophischen Epochen des Maimunistreites hindurchgegangen waren und die Bildung des Abendlandes in sich aufgenommen hatten. Sie wurden Christen dem Scheine nach, machten all die Zeremonien mit, die sie im Inneren verlachten: sie spielten Komödie. Aber die Schranken der Assimilation waren geöffnet; je mehr Reichtum und Ansehen dieser Neuchristen stieg (viele kirchliche Würdenträger waren unter ihnen), um so mehr verfiel ihr Jüdisches. Der Besitz hebräischer Bücher war bei den schlimmsten Strafen verboten, der leiseste Verdacht des Judaisierens genügte, um der Gewalt der erbarmungslosen Inquisition ausgeliefert zu werden. Alles, was man vom Judentum besaß, war Trotz, war Trutzjudentum, aber auch dieses Restchen drohte zu verschwinden. So hatte man ein Jahrhundert gelebt. Der Urgroßvater war Jude gewesen, der Großvater hatte vielleicht noch hebräisch gelernt, der Vater wußte noch, daß alles Komödie war, der nun erwachsene Sohn hatte auch das fast vergessen. Und in diese Zeit (Ende des 16. Jahrhunderts) fällt die Befreiung der Marrannen, ihre Ansiedlung in Amsterdam. Sie kehrten zurück zum Judentum, indem sie sich beschneiden ließen, aber sie vergaßen, daß sie nicht ohne weiteres da anknüpfen konnten, wo der Großvater aufgehört hatte. Groß geworden in Mysterien und Dogmen des orthodoxesten Katholizismus, hatte diese Kraft auf sie eingewirkt, und nicht Juden waren es, die in Amsterdam die große, reiche (von Graetz das holländische Jerusalem benannte) Gemeinde bildeten; es waren ungläubige Katholiken jüdischer Abstammung, die mit aller Gewalt ins Judentum wollten, los von der Komödie und los von der Gefahr. Es war ein ungeheurer Versuch, die Weltgeschichte übers Ohr zu hauen, sie zu umgehen, ein Versuch, dem einige erliegen mußten. Im Augenblick der Beschneidung ist man noch nicht Jude. Die Amsterdamer Neuchristen-Neujuden ließen sich Rabbiner kommen, um sich im Judentum unterweisen zu lassen. Sie ließen alles im Stich, was sie in dem ungastlichen Spanien-Portugal besaßen, sie verließen den Schoß des katholischen Dogmas; nur eines konnten sie nicht lassen: den Glauben an die Macht der Inquisition. Sie, die diese Macht der Inquisition allzu stark verspürt hatten, sie, die vor dem Gedankenzwang in den freien Norden geflohen waren, glaubten, ein Recht zu haben, selbst zu inquirieren, selbst Dogmen vorzuschreiben und die zu verdammen, die diesem Glauben den Rücken kehrten. Da Costas Tragik ist seine Ehrlichkeit. „Jene pflegen die Menge für sich geltend zu machen: Du, ein einzelner, mußt uns, den vielen, weichen. Freunde, es ist zwar vorteilhaft, daß einer den vielen weicht, um nicht von ihnen zerrissen zu werden, aber nicht alles, was vorteilhaft ist, ist ohne weiteres auch schön." („Beispiel menschlichen Lebens", S. 137). Die Neujuden Amsterdams verteidigten ihren Glauben mit den Waffen, mit denen „man" damals seinen Glauben verteidigte. „Man" verteidigte den Glauben mit Scheiterhaufen und Massenmord; die Neujuden Amsterdams, die diese Gewaltmittel nicht besaßen, wandten nur Ausschluß, Boykott und Verhetzung der Kinder an. Da Costa stammte von einem vornehmen Marrannengeschlecht ab. Sein Vater war von adligem Stamme, und der Junge Gabriel (den Namen Uriel nahm er bei der Beschneidung an) wurde in allen Künsten des ritterlichen Portugal unterwiesen. Er soll 15%$ in Porto geboren sein, das Jahr gibt er nicht