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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 9 · p. 551

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 9
Article
Die Stellung der Palästinenserin zur Gemeinschaft
Date
1924-01-01
Page
551 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Frauenfragen 55i Haben wir also hier auf der einen Seite ein um Jahrhunderte in seiner Entwicklung zurückgebliebenes Frauenelement, so findet sich daneben ein anderes, dessen radikaler Bruch mit jeglicher Tradition allen Radikalismus europäischer Frauenkreise übertrifft. In sämtlichen Staaten Europas und Amerikas steht man heute noch in irgendeiner Phase des Kampfes für die Gleichberechtigung und Höherentwicklung der Frau. Manches früher kaum Erträumte ist erkämpft, für manches andere muß unermüdlich weitergerungen werden. Im Ganzen ist die Gleichberechtigung der Geschlechter dem Gesetz nach wohl erreicht, aber noch nicht die Gleichsetzung im Berufsleben, nicht in der gesellschaftlichen Sphäre. Im Gegensatz hierzu hat in den radikalsten Arbeiterkreisen Palästinas der Kampf der Frau um die Gleichberechtigung sich bereits überlebt. Das noch ungeschriebene, aber im Leben tagaus, tagein angewandteFamilien-, Vermögens- und sonstige Recht gibt der Frau absolute Gleichberechtigung, ja ist imZweifelsfalle eher geneigt, die ,Frau dem Manne gegenüber zu bevorzugen. Ebenso im Beruf: nicht allein, daß jeglicher Beruf, vom Steineklopfen bis zur Leitung eines wissenschaftlichen Institutes, der Frau offensteht — und nicht, wie so häufig in Europa, nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis — der Begriff der speziellen Männerberufe und Frauenberufe wird von unseren radikalen Arbeitern und Arbeiterinnen überhaupt negiert. Während Genossinnen der Kwuzah am Wegebauen und Feldbestellen mitarbeiten, sind männliche Genossen den Arbeiterinnen in der Küche beigegeben. Auch für die Pflege der Kwuzahkinder ist neuerdings von Seiten der Arbeiterinnen Mitarbeit der Männer verlangt worden. Daß den Frauen in den Kwuzoth, dem G'dud Awodah und den Arbeiterparteien absolute Gleichberechtigung in der Teilnahme am öffentlichen Leben eingeräumt wird, ist hiernach kaum zu erwähnen nötig. Aber dieses Streben nach Gleichstellung geht noch viel weiter, es bildet sich ein ganz neues Ideal des Menschentyps heraus: das Ideal des Mannes, der fern davon ist, seine besonderen männlichen Eigenschaften zu entwickeln; das Ideal der Frau, die sich nur durch gewisse körperliche Unterschiede (über die man aber auch möglichst hinwegzublicken sucht), sonst jedoch in keiner Weise vom Manne unterscheidet. Als ein besonders krasses Beispiel hierfür sei erwähnt, daß kürzlich eine bekannte Arbeiterführerin den Genossinnen Vorhaltungen machte, weil sie sich auf gefährlichen Wegen über Land unter männlichen Schutz stellten, und von ihnen verlangte, daß sie, mit den notwendigen Schutzwaffen ausgerüstet, allein den Gefahren trotzen, die ihnen aus Begegnungen mit Arabern drohen. Ob diese Form der äußersten Gleichsetzung der Geschlechter wünschenswert ist, scheint natürlich fraglich. Im allgemeinen sieht man in der Mannigfaltigkeit der Typen die Grundlage für eine starke und gesunde Gesellschaft, in der Verwischung männlicher und weiblicher Eigenschaften deren Degeneration. Möglich ist diese Gleichsetzung jedenfalls nur in einer Gesellschaft, welche die Familie ganz auflöst. Für uns wäre es im Augenblick am wichtigsten, genau festzustellen, wie die Frauen selbst in ihrer körperlichen und seelischen Beschaffenheit von diesen Verhältnissen beeinflußt werden. Statistische Angaben darüber liegen nicht vor, persönliche sind außerordentlich widerspruchsvoll. So viel läßt sich jedenfalls sagen, daß die Zahl der infolge zu schwerer körperlicher - Anstrengungen erkrankten Frauen erschreckend hoch ist, daß die ohnehin kleine Zahl der Arbeitsmöglichkeiten für Frauen sich durch die Beteiligung der Männer an der Küchenarbeit notwendigerweise noch vermindert und daß durch ihren eigenen und ihrer Genossen radikalen Bruch mit der Tradition die palästinensische Frau in eine innere Unklarheit gestürzt worden ist, unter der sie tief leidet. Genau müßten auch die Zusammenhänge zwischen der Entweihlichung unserer Frauen — die sich in ihrer äußeren Erscheinung in oft verblüffender Weise dokumentiert — und der auffälligen Neigung unserer Arbeiterkreise zu Ehe- und Kinderlosigkeit studiert werden. Haben wir den Wert oder Unwert des rückständigsten Frauenelementes im Lande zu untersuchen, gestrebt, so müssen wir auch den Wert des radikalsten Elementes für die gesamte palästinensische Frauenwelt prüfen. Da ergibt sich die deprimierende Tatsache, daß zwischen den Arbeiterinnen und den anderen Frauen des Landes gar kein Zusammenhang besteht. Arbeiterinnen benutzen höchstens die Institute: Krankenhäuser, Wirtschaftsschule, Landwirtschaftskurse usw., die von bürgerlichen Frauen für sie eingerichtet worden sind, lehnen aber jede Zusammenarbeit mit ihnen ab. In gewisser Weise ist das folgerichtig: streich;

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