Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Stellung der Palästinenserin zur Gemeinschaft
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 550 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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550 Umschau: Frauenfragen jähr ab, sich zum Stubenscheuern oder für ähnliche Wirtschaftsdienste zu verdingen. Ein anderer hoher Prozentsatz lernt ein wenig schneidern und sucht Gelegenheitsarbeit auf diesem Gebiet. Ein kleiner Teil arbeitet in den wenigen industriellen Betrieben des Landes oder, wenn das Glück besonders gut ist und das Mädchen in der Alliance- oder der Evelina de Rothschild- Schule oder gar einer hebräischen Volksschule etwas gelernt hat, in einem Büro. Und ein anderer großer Prozentsatz sitzt zu Hause herum, tut absolut nichts und wartet auf die frühe Verheiratung. In den aschkenasischen Kreisen ist es wohl ein klein wenig besser, aber noch immer durchaus nicht gut. Hier legt man etwas mehr Wert darauf, den Mädchen eine Volksschulbildung zu geben, und der Prozentsatz der Analphabetinnen ist daher geringer. Andererseits betrachtet man die Hausarbeit als einen entwürdigenden Beruf, und da das geringe Wissen der Mädchen, die Entfremdung von jeglicher Landarbeit und der Mangel an Arbeitsmöglichkeiten überhaupt sie auch von anderen Berufen ausschließt, ist die Zahl der Haustöchter, die mit oder ohne Stickereien vor den Türen der Armeleutewohnungen herumsitzen oder mit seidenen Strümpfen auf den Straßen flanieren, womöglich noch größer als bei den Sepharden. Ihre einzige Rettung vor tödlicher Langeweile ist die frühe Heirat, auf die jedes altpalästinensische Mädchen als auf den Gipfel ihres Lebens wartet, wenngleich für viele, die bis dahin bei Hausfrauen oder anderwärts gearbeitet haben, die Ehe den Übergang aus gesicherter Position in die elendesten Daseinsbedingungen und in vollständige Hörigkeit bedeutet. Im Vergleich zwischen diesen Frauen und den immer tätigen Fellachinnen kommt man zur Überzeugung, daß die letzten nützlichere Glieder der Gesellschaft, also höherstehend sind als ein erheblicher Teil der jüdischen Frauen. Die Ergänzung zu dieser Unwissenheit und Rechtlosigkeit palästinensischer Frauen ist die Art, wie sie an den Mann verhandelt werden. Wie im Mittelalter ist die Ehe ein reines Handelsgeschäft zwischen den Eltern des jungen Paares, das sich erst zu sehen bekommt, wenn der ganze Heiratsvertrag abgeschlossen ist. Fällt es etwa einem Mädchen ein, während der Verlobungszeit den Bräutigam abzuweisen, so steht hierauf die Zahlung einer Strafe, deren Höhe allein schon genügt, um die Verlobte vor jedem Gelüst nach Selbständigkeit zu schützen. Auf welcher tiefen Stufe der geistigen und seelischen Entwicklung Frauen stehen, die unter solchen Verhältnissen leben, kann man sich denken. Unwissenheit, krassester Aberglaube, mangelndes Ehrgefühl sind selbstverständliche Folgen der Verknechtung. Hier haben die Missionen ein fruchtbares Feld für ihre neuerdings wieder recht energische Tätigkeit. Auch bei den unter günstigeren sozialen Verhältnissen lebenden altpalästinensischen Familien ist die Stellung der Frau nicht wesentlich anders. Hier findet man statt der Analphabetin die französisch plappernde, Klavier spielende Haustochter vergangener europäischer Jahrhunderte. Hier werden die Ehegebräuche nicht ganz so rigoros gehandhabt, aber immerhin ist auch hier die frühe Ehe der einzige Lebenszweck. An die Stelle des Scheuerberufes tritt hier der Verkäuferinnen- oder Büroberuf, wenn nicht gerade das ganze Leben eine andere Richtung erhält durch — die Auswanderung ' nach Amerika. Immerhin findet sich bei den Aschkenasim schon eine Anzahl von Töchtern, die sich Selbständigkeit errungen und zum Beruf der Lehrerin, Kindergärtnerin, Krankenschwester oder sogar zu Berufen, die eine wissenschaftliche Ausbildung im Auslande verlangen, durchgearbeitet haben. Bei den altpalästinensischen aschkenasischen Frauen findet sich auch der Wunsch, über den Kreis ihres Hauses hinaus für andere zu wirken. Mit „sozialer Arbeit" hat allerdings dieses Streben blutwenig zu tun; es ist vielmehr „Rachmones"arbeit in ihrer primitivsten Form. Man schafft irgendeinen Fonds für Wöchnerinnen, Waisenkinder oder Geisteskranke, gibt selbst dafür und veranlaßt andere zum Geben, nicht weil man von dem Wunsch, der Gemeinschaft zu helfen, durchdrungen, sondern weil derartiges als „Mizwah" vorgeschrieben ist. Daß bei solcher Art der „Gemeinschaftsarbeit" vieles geschieht, was mehr Schaden als Nutzen stiftet, kann man sich wohl denken. Ebenso kann man sich vorstellen, daß diese Frauen, die irgendetwas organisieren und spenden, nicht damit der andere empfängt, sondern um sich selbst den Lohn einer Mizwah zu erwerben, auf anderen Lebensgebieten — z. B. in der Behandlung ihrer Angestellten — mitunter geradezu vorsintflutlich unsozial sind.