Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Stellung der Palästinenserin zur Gemeinschaft
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 549 (sequence 1)
- Language
- German
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UMSCHAU FRAUENFRAGEN Die Stellung der Palästinenserin zur Gemeinschaft Unsere Gemeinschaft in Palästina ist nun einmal die Stätte der ausgesprochensten Gegensätze — daher die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, die sich jedem Versuch einer Zusammenfassung verschiedener Gruppen zu gemeinsamer Arbeit entgegenstellen. Nehmen wir irgendein Lebensgebiet her — für heute sei es die Frauenbewegung — und sehen wir, wie sich seiner Regelung Widerstände bieten, die vom Himmel bis zur Unterwelt zu reichen scheinen. In allen Staaten der Welt läßt sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft in einigermaßen einheitlichen Formeln bezeichnen: für die rechtliche Stellung, Arbeitsbedingungen, soziale Wertschätzung, Kulturniveau der Frau in England, Rußland, Italien, Amerika usw. gibt es ganz bestimmte Wertmesser und Gradunterschiede. Natürlich gibt es überall einen hohen Prozentsatz von Fällen, die von der Regel abweichen, aber das allgemeine Niveau ist dennoch gegeben. Bei uns in Palästina, wo so vieles ganz anders ist als irgendwo sonst, ist es ganz unmöglich, ein allgemeines Urteil über Stellung und Einstellung der Frau abzugeben. Hier ist nämlich die Gesellschaft gespalten in Kulturkreise von etwa gleicher Stärke, aber gänzlich verschiedener Beschaffenheit, die durch keine Brücke miteinander verbunden sind. Da man sich in Palästina abgewöhnt, lediglich die neue zionistische Einwanderung in Betracht zu ziehen — wie man es im Auslande tut —, da man vielmehr lernt, mit allen jüdischen Kreisen zu rechnen und zu verstehen, daß der Begriff ,,jüdische Arbeit in Palästina" sich auf alle Elemente des Landes erstrecken muß, so muß man bei der Erörterung jeder einzelnen Frage des öffentlichen Lebens mit dem Bevölkerungskreise rechnen, der heute numerisch noch immer am stärksten ist: mit der Orthodoxie. Die Lage der Frauen in den orthodoxen Kreisen Palästinas ist in jeder Beziehung unbefriedigend. Ihr kultureller Stand und ihre Stellung in der Gesellschaft entspricht etwa der Stellung der europäischen Frau im Mittelalter. Nur jahrhundertelange Unterdrückung und die daraus resultierende Herabsetzung des geistigen Niveaus macht es erklärlich, daß die jungen Mädchen und Frauen, die rings um sich her Geschlechtsgenossinnen unter vollständig anderen Bedingungen existieren sehen, sich nicht gewaltsam gegen die alte Ordnung auflehnen. An sich ist ja überall dort, wo die jüdische Frau nach rabbinischem Recht lebt, die ganze Rechtsgrundlage ihres Lebens so unsicher, daß sie den härtesten Erfahrungen ausgesetzt ist. Aber fast überall erfährt das jüdische Gesetz durch die Rabbinatsgerichte eine Auslegung, welche die Frau vor Mißbrauch und Bedrückung zu schützen strebt. Anders in Palästina. Hier verfahren besonders die sephardischen Gerichte oft in einer Weise mit den Menschenrechten der Frau, die Zweifel zuläßt, ob sie ihr überhaupt Menschenrechte zubilligen. Ein Beispiel für viele aus der Praxis sozialer Arbeit: eine Sephardin, die zusammen mit ihrer Tochter aus erster Ehe den zweiten Mann, seine Kinder und den ganzen Hausstand allein erhält, wird von dem Manne so geschlagen, daß sie wochenlang arbeitsunfähig wird. Nach halbwegs erfolgter Genesung sucht sie einen ,,Get" zu erlangen. Bescheid: sie kann ihn erhalten, muß aber dem Manne das von ihr und ihrer Tochter eingerichtete Haus mit allem Inventar überlassen. Bei den Aschkenasim scheinen im allgemeinen die Bestimmungen des Gesetzes menschlicher ausgelegt zu werden, aber auch hier gibt es Härten, die dem modernen Rechtsgefühl unfaßbar erscheinen. Die Folgen einer so furchtbaren Unterdrückung zeigen sich denn auch im Kulturniveau der altpalästinensischen Jüdinnen. In den meisten Dingen steht dieses nur wenig über dem der Araberinnen, in manchen Dingen ist es sogar vielleicht noch tiefer. Die Mehrzahl der Frauen aus diesen Kreisen — und das sind, wohlgemerkt, nicht nur sephardische und überhaupt orientalische, sondern auch aus Europa hierher verpflanzte aschkenasische Jüdinnen — ist niemals in eine Schule gegangen und kann weder lesen noch schreiben. Es gibt ganze Stadtviertel in Jerusalem, in denen alle Frauen — Mütter und junge Töchter — Analphabetinnen sind. Die Arbeitsmöglichkeiten für diese unwissenden Geschöpfe sind natürlich sehr begrenzt. Sephardische Mädchen beginnen von ihrem siebenten oder achten Lebens-