Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 539 (sequence 9)
- Language
- German
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Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte 539 Vorstellung, daß die Welt geistig sozusagen Menschensubstanz ist, in der Idee des „Urmenschen", den wir bei den Babyloniern (als „Himmelsmensch"), vor allem aber bei den Manichäern als „Gawea kodmaja" und in gleicher Wendung im „Adam kadmon" der Kabbalah begegnen. Sie klingt auch in der aggadischen Wendung an, wonach der erste Mensch von einem Ende der Welt zum anderen gereicht habe*). In besonders kühner Weise aber wird in der erwähnten Deutung des Simon ben Lakisch geradezu der „Geist Gottes, der über den Wassern brütet" als Seele des „ersten Adam" bezeichnet. In sichtbarerer Form wird der Mensch in der Bibel selbst als Mittelpunkt der Schöpfung hingestellt, in der spezifischen Form des „Segens", der sich beim Tiere nur auf die Vermehrungskraft bezieht, dem Menschen aber seine besondere Stellung zu den niedrigeren Reichen anweist: als ein vielleicht erlösend gemeintes „Hinabsteigen" 2) zum Tierreich, als das Verhältnis der Ernährung zum Pflanzenreich. Über den Menschen erhebt sich freilich die Schöpfungsgeschichte zu einem noch höheren Gipfel, der Schöpfung und nicht mehr Schöpfung zu nennen ist: zum Sabbath. Hier setzt sich zunächst der „Segen" fort, der bereits mit dem tierischen Lebewesen begann, im Menschen das Zentrum der Natur bezeichnete und nun gewissermaßen zu seiner eigenen Weihe wiederkehrt, indem der siebente Tag, gesegnet, selber Segen ist. Diese Vollendung ist zugleich ein „Ruhen" und ein Rückkehren, gewissermaßen aus dem Zeitlichen ins Überzeitliche. Der gleiche Wortstamm scheint ja auch der Siebenzahl zugrunde zu liegen, die nicht bloß bei den Juden, sondern z. B. vornehmlich auch bei den Pythagoräern als Zahl der Zeit gilt. Für das Judentum vor allem ist die Idee des Sabbaths zentral. Eine spätere kabbalistische Deutung findet den Namen „Sabbath" gleichfalls schon im Worte Bereschith enthalten. Der soziale Ursinn der Institution des Ruhetags, den besonders Hermann Cohen so gerne hervorgehoben hat, ist doch nur der Ausfluß jenes Urrhythmus, worin die sechs Tage des zeitlichen Werkes um den siebenten gleichwie um ihr überzeitliches Zentrum kreisen und von ihm ihre innere Kraft empfangen. So gehören denn Werktage und Sabbath polar zusammen wie Wirklichkeit und Überwirklichkeit, wie „Menschlichkeit" und „Göttlichkeit", wie „Werkmensch" und „Geistmensch". Man mag nicht nur den Sabbath die Weihe des Werktags, sondern auch das Werk den Sinn der Weihe nennen, was vielleicht durch das Schlußwort des „siebenten Tages" angedeutet ist. Nur das messianische Zukunftsreich erscheint durch eine völlige Durchdringung mit dem Sabbathprinzip verklärt: als der Tag, der gänzlich Sabbath ist. Im Rhythmus der Feste hinwiederum erscheint der Sabbath trotz seiner . l) Die Psalmworte „Vorne und rückwärts hast du mich gebildet" (Ps. 139) wurden im Midrasch Rabbah teilweise räumlich, in dem hier erwähnten Sinne, teilweise zeitlich, wie oben angeführt, gedeutet. ät /T Al_ x . . . . .2) Die Wurzel „rad" ist den Worten „und machet sie euch Untertan" (Luther) und „hinabsteigen" gemeinsam.