Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 537 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101210-3109643--7317-3109702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte 537 ganze Weltbestandteile (etwa das Meer) als Wesen empfunden werden. Charakteristisch ist ferner, daß die Tierwelt außer durch den Ausdruck: lebende „Seele" durch Bewegungsnamen bezeichnet wird, die auch noch die ganze Empfindungskraft der tierischen Bewegungsimpulse in sich tragen*). Namentlich ist aber das „Wasser" selbst2) damit in unmittelbarste Beziehung zur triebhaft beseelten Bewegung des Tieres gesetzt, so als ob hier überhaupt nicht das physische Element des Wassers, sondern die Grundsubstanz des tierischen Lebens als solchen gemeint wäre. Nach der Erschaffung der Tierwelt jedoch folgt mitten im Bericht des sechsten Tages eine Cäsur, analog derjenigen am dritten Tag, hier wie dort durch das abschließende „ki tow" bezeichnet. Wie dort durch diese das Auftauchen der Lebewesen eingeleitet wurde, so hier die Gipfelung des Werkes: die Erschaffung des Menschen. Der Mensch steht auf dem Grunde der tierischen Natur wie auf einem zweiten Erdboden3), aus ihr hervorgebracht und dennoch, seinem eigentlich menschlichen Wesen nach, nicht ihr entstammend. Die Erschaffung des Menschen bildet gleichsam den Inbegriff der ganzen Schöpfung. Sie unterscheidet sich charakteristisch von derjenigen der anderen Erdenwesen. Hier ist nicht mehr von einer Art die Rede, sondern vom Menschen schlechthin. Er gehört nicht in Darwinischem Sinne einer Tierart an, ja sein Wesen ist überhaupt nicht artgemäß, sondern individuell gemeint, wie ja „Adam" zugleich der Mensch schlechthin und der individuelle, erste Mensch ist. In eigentümlicher Weise kreuzen sich in der Diktion der beiden Verse, die von der Schöpfung des Menschen handeln, eine pluralische, polytheistische und eine singularische, monotheistische Redeweise. Nach einer Deutung Steiners wird gerade im Schöpfungsakte des Menschen die Vielheit der „Elohim" zur Einheit.4) Man beachte aber den Unterschied von den anderen Schöpfungswerken in dem Sinne, daß nur hier die göttlichen Mächte sich selbst zum Schöpfungswerke aufrufen, während diesem sonst ein „Werderuf" oder ein Anruf der Erde („Sie bringe hervor" usw.) vorangeht. Der Mensch ist also im eigentlichsten Sinne Gottes Schöpfung. Und wieder ist der Mensch auf das engste mit dem Wesen der Erde verbunden. Im Sinne jener Methode, derzufolge Herder einmal die früheste 2) Dies hat auch Luther (trotz mancher teilweise köstlicher Naivitäten an anderen Stellen) noch kräftig empfunden und zum Ausdruck gebracht. 2) Ganz parallel zu Sätzen wie: „Es bringe die Erde hervor", heißt es, am fünften Tage (nach Luther): „Es errege sich das Wasser." , 3) „Die Erschaffung der Säugetiere verhält sich an diesem Tage ebenso der Epoche nach zu der des Menschen wie die Erschaffung des festen Landes zu der der Pflanzen." (Henrik Steffens, „Anthropologie".) . „ . 4) Im Sinne der Aggadah deutet die pluralische Wendung: „Wir wollen einen Menschen machen" auf eine Beratung mit den Engeln hin. Nach Philo konnte der Mensch nicht völlig von Gott erschaffen sein, weil Gott damit auch Ursache des Bösen gewesen wäre. Es mußte also für den Menschen als freies Wesen ein anderes schöpferisches Prinzip hinzutreten.