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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 9 · p. 536

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 9
Article
Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte
Date
1924-01-01
Page
536 (sequence 6)
Language
German
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536 Ernst Müller: des Mineralreichs *) auffallen. Hier kann an die Auffassung Fechners und einiger älterer deutscher Naturphilosophen (Preuß, Steffens) erinnert werden, wonach das Unlebendige aus ursprünglich geistlebendiger Substanz erst nachträglich ausgeschieden sei (während umgekehrt der „Ursprung des Lebens" aus dem Unlebendigen für die moderne Naturwissenschaft bekanntlich ein unlösbares Rätsel darstellt.) So kann denn in den Schöpfungsakt nur das Lebendige eintreten, und dies erfolgt für Pflanzen- und Tierwelt in bemerkenswerter Weise verschieden. Erste tritt am dritten Tage auf, in der mehr kosmischen Schöpfungsreihe des Himmels und der Erde deren Vollendung bezeichnend, in der die Erde, selbst ein lebendiges Wesen, die Pflanzenwelt als Teil ihrer selbst aus sich hervorgehen läßt. Dann erst tritt die Schöpfung von Sonne, Mond und Planeten ein, denn von ihnen stammen nach übereinstimmenden uralten Lehren jene Kräfte, welche die seelische Substanzialität des tierischen Wesens bilden. Daß die Gestirne die Träger der Weltenrhythmen sind, findet einen parallelen Ausdruck in Piatons „Timäus", nach welchem die Zeit auch erst mit dem Himmel erschaffen wurde. Und schließlich erscheint dieses zeitregelnde, das Leben rhythmisierende Verhältnis des Himmels zur Erde als Urbild wahren Herrschertums, welches gewissermaßen dessen Gleichnis bildet. Damit kann auf die Doppelbedeutung der an dieser Stelle zum ersten Male auftretenden Wurzel „moschel" hingewiesen werden, auf welche auch der mehr von poetischem als mystischem Gefühl getragene Herder gestoßen ist. Die Tierwelt wird nicht im gleichen Maße von der Erde hervorgebracht wie die Pflanzenwelt. Aber beiden gemeinsam ist die „artgemäße" Erschaffung (s. die Vorträge Steiners), die hier erst die Art des Wesen macht. Schwierig ist es, die näheren Einteilungen der Pflanzen und Tiere sicherzustellen. Vielleicht ist in der Unterscheidung des „Krautes, das Samen samt", und des „Fruchtbaums, i n dem sein Same (d. h. seine Samenkraft) ist", an die vegetative und sexuelle Vermehrungsweise im Pflanzenreiche gedacht, Gegenüber zwei grundlegenden Pflanzentypen werden, wie es scheint, fünf Tiergruppen unterschieden, die in der Schöpfung des fünften Tages vornehmlich als Luft und Wasserwesen, des sechsten Tages als Erdenwesen auftreten, letzte ihrerseits in drei Typen, von denen Remess (von Luther als „Gewürm" übersetzt und die „niederen Tiere" überhaupt bezeichnend) Erde und Wasser gemeinsam ist. Andererseits sind unter den See- und Landtieren die|,,Riesentiere" als Typen hervorzuheben, die wenigstens in der Legende und vorher schon in den Psalmen und im Buche Hiob in den Formen der „Behemoth", „Thanin — Leviathan" auftreten und damit den Urgewalten der babylonischen Mythologie nahe rücken.2) Die Legende rekonstruiert dann gleichsam die mythologische Stimmung, aus der heraus *) Dies gilt für den Schöpfungsbericht des ersten Kapitels. Im zweiten tritt gerade „Adamah" undifferenziert als physische Erdensubstanz auf. (Über den Unterschied des ersten und zweiten Berichtes s. später.) 2) S. hierzu namentlich Gunkel: „Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit."

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