Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 534 (sequence 4)
- Language
- German
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534 Ernst Müller: Rudolf Steiner deutet in Vorträgen über die biblische Schöpfungsgeschichte die beiden durch jene Worte bezeichneten seherischen Erlebniskomplexe als „ein nach außen sich Kundgebendes" einerseits, „ein innerlich Regsames andererseits". Schamajim, die Gesamtheit der in einem bestimmten Urzeitpunkte von Her Erde losgelösten höheren Geistigkeit, entspräche gewissermaßen einem Element höherer Beschaulichkeit, während die Erde schon in ihrem Namen als der Träger willenhafter Entwicklung und Entscheidung charakterisiert wird. Freilich ist diese Erde noch nicht unsere Erdensubstanz, die ja erst am dritten Tage „genannt" wird; die physische Erde taucht sogar erst im zweiten Genesiskapitel, dem der heutigen Bibelkritik nach: and eren „Schöpfungsbericht" auf. Daß die Erde ihrem Wesen nach überhaupt nicht erst jetzt entstanden ist, folgert der Sohar aus dem zweiten Bibelvers. Denn dem ganzen Schöpfungswerk waren ehemalige Weltumstände, untergegangene Welten vorangegangen, deren entwicklungsfähige Daseinskeime im Chaos verborgen lagenx). Die letzte, der griechischen Weltanschauung ganz analoge Vorstellung wird durch die vielumstrittenen Worte „Thohu" und „Bohu" näher bezeichnet. Ihre Deutung wird schon im Midrasch angeregt. Thohu ist sprach verwandt mit „Thehom", das im gleichen Verse als das Finsternisbeäeckte bezeichnet wird. Für Bohu hingegen ist der Lauttypus des Inneseins (in B) genau so grundlegend wie für Thohu der T-laut der Zersplitterung und Verhärtung 2). Und beide bilden in ihrem chaotischen Gemenge die Ursubstanz: jene „Wasser", über denen der göttliche Geisthauch „brütet". Aber als unmittelbar geistschöpferisches Element wirkt auch dieser lichtlos wärmebrütende Geist noch nicht, sondern das göttlicheWort selbst („wajomar" tritt hier zum ersten Male auf), dem das Licht entquillt, indem das Werdewort sich selbst ins Werden umsetzt; so daß an der gewordenen Lichtspiegelung ihres eigenen Wesens die göttlichen Mächte „sehen, daß es gut ist". Höchst merkwürdig ist hier in sprachlicher Beziehung die einfache Inversion des Stammes A—R (Licht) in R—A (sehen). Und wieder ist das Wort „gut" (T—W—B) lautlich (bis auf eine literale Verschiebung von zweierlei T-Zeichen) identisch mit den beiden Polen des chaotischen Zustands, durch den Verbindungslaut W zur Harmonie (harmonisch - gut) verbunden. Wie ein Ursymbol und das Zentrum aller Polaritäten des Positiven und Negativen, sei es im Ethischen, sei es im Logischen, sei es im Physischen, *) Hiermit hängt die Vorstellung zusammen, daß erst diese Welt als eine Welt des „Gleichgewichtes" widerstrebender Urkräfte Bestand hat. 2) Mythologisch bringt die moderne Bibelwissenschaft diese Worte in Zusammenhang mit der babylonischen „Tihamat", deren Überwindung die Voraussetzung der neuen Weltschöpfung bildet, und dem sprachlich analogen und noch biblischen „Behemoth" (s. namentlich G u n k e 1: „Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit"). Daß gewisse mythische Drachenwesen mit den gleichen Wortstämmen wie die beiden Elemente des Chaos bezeichnet wurden, beweist nichts gegen die lautetymologische Deutung. Dann mag eben auch der geistige Sinn jener Urwesen gerade durch die beiden Urlaute B und T richtig charakterisiert sein.