Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 533 (sequence 3)
- Language
- German
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Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte 533 I. Das erste Wort schon unterliegt im Laufe der Zeiten zahllosen Deutungen. So ist ihm z. B. ein ganzes Soharbuch, die „Tikkune ha-Sohar" fast ausschließlich gewidmet; in den verschiedensten Permutationen seiner Buchstaben wird es da als „Haupt des Hauses", „Erschaffung des Fundaments", „Bund des Feuers" usw. gedeutet, während seine drei ersten Lautzeichen für sich zugleich das Wort der „Schöpfung" selbst bezeichnen, wie es als zweites Bibelwort sogleich wiederholt wird.1) In zahlenmystischer Deutung beginnt die Bibel mit dem zweiten und nicht, wie allerdings das Zentrum der Thorah: der Dekalog, mit dem ersten Buchstaben des Alphabets, weil es erst die Zweiheit ist, welche in den Urschoß des Seins die Spaltung und damit das Urelement des Werdens hineinträgt.2) Wie im Hebräischen schon dem Bau des Alphabets eine Art geistiger Phonetik zugrunde liegt, zeigt sich, was Fabre d'Olivet direkt als allgemeines Übersetzungsprinzip durchzuführen sucht, in dem auf den Gottesnamen 3) folgenden Wörtchen et, in hebräischer Schreibweise: A—T. Aus dem ersten und letzten Lautzeichen des Alphabets, dem geistigsten, ja physisch schon unhörbaren und dem dichtesten, materiellsten Laut bestehend, bildet es das umfassendste Beziehungswort (hier die Akkusativform als solche) und in der Verbindung der entgegengesetzten Laute durch das typische Verbindungszeichen w die Bezeichnung des „Zeichens" selbst, das übrigens im Schöpfungsbericht selber (Vers 14) in der Form der großen, kosmischen „Zeichensetzer" auftritt. Andrerseits stellt dieselbe sprachliche Urform der Beziehung diejenige des Wortes „du" dar, das auch in den meisten indogermanischen Sprachen wenigstens den T-laut noch bewahrt hat. Zu bemerken ist, daß auch im Neuen Testament in den Worten: „Ich bin das Alpha und das Omega" jenes geistige Symbol des ersten und letzten Buchstabens in griechischer Form wiederholt wird und dass ferner auch das hebräische Wort für „Wahrheit" (A—M—T) 4), das nach dem Thalmud das „Siegel Gottes" ist, gerade aus den beiden Endbuchstaben mit dem mittelsten in der Mitte gebildet ist. Die Worte „Schamajim" und „Erez" sind nicht mit den Zusammenfassungen sinnlicher Anschauung zu „Himmel" und „Erde" erschöpft. Das erste Wort wird vom Sohar gelegentlich zu „Schern", dem „Namen" in Beziehung gesetzt, „Erez" hingegen trägt schon in seinem Wortstamm den Ausdruck des Willens elements, das den Sinn der Erde bildet. *) *n:> bezeichnet in der kabbalistischen Weltenlehre weder die urerste, noch die sinnliche Schöpfung, sondern jene zweite aktive Weltenstufe, die man auch mit der Welt der Ideen identifiziert und als die Ursprungsregion der menschlichen Individualität aufgefaßt hat. Erst die spekulative Theologie macht aus der nana eine creatio ex nihilo. Die etymologische Wurzel dieses Wortes b—r sowie die verwandte: f—r geht übrigens durch zahlreiche Sprachen hindurch, überall schöpferische Fruchtbarkeit bezeichnend. 2) Ein auch von den ältesten Pythagoräern bereits vertretener Gedanke. 3) Über die Gottesnamen sollen später einige Bemerkungen folgen. 4) Dasselbe Wort wird auch aus den Schlußbuchstaben des zweiten, dritten und vierten Bibelwortes hergestellt.