Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 532 (sequence 2)
- Language
- German
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532 Ernst Müller: weiter als jener in die Perioden des Kapitels und enger als dieses in die Macht des Lautes übergreift; Wort ist das Neuauftauchen jedes ,,Namens" — etwa im Sinne Fahre d'Olivets1), für den jeder Wortstamm ursprünglich „Nome" ist — an der Stelle, wo der bezeichnete Gegenstand erschaffen wird; Wort sind die merkwürdigen Verwandtschaften und Polaritäten im Klangbild dieser ,,Nomen", sowie die hinter das Naturhafte webende Macht der Lautklänge selbst.2) Inhalt ist erst, was wir meinen", wenn wir von der Schöpfungsgeschichte sprechen: durch die Fülle der Widersprüche hindurch, die doch der naivste Kompilator nicht s o hätte aufnehmen können; Inhalt eine kosmische Schöpfungsgeschichte, die in diesem Kapitel nicht Anfang und nicht Ende hat und dennoch allen Anfang und alle Fortsetzung gleichfalls mitsagen will; Inhalt die Stufenleiter der Entstehungen zwischen den beiden Urpotenzen Licht und Mensch; die eigenartige und tiefernst gemeinte Kosmologie, Astronomie und Naturkunde; der aus der Naturschöpfung aufragende Schöpfungsakt des Menschen; die geistige Polarität: Gottwesen und Mensch inmitten der Polarität: Geist und Natur. 3) * * * Einer tiefgehenden Wandlung des Weltbildes entsprechend, welche von einer verwandelten Auffassung des biblischen Schöpfungswortes begleitet war, sei es mir gestattet, die analytische Scheidung gleichsam wieder zurücknehmend, durch eine Synthese der drei Elemente: Form, Wort und Inhalt wenigstens in der Art einzelner Bemerkungen eine Rekonstruktion jener Auffassung der Bibel zu versuchen, welche denn doch durch die verschiedensten Zeiten hindurch mehr oder weniger verborgen das Menschheitsbewußtsein begleitet hat. Traditionelles, kabbalistisches, sprachwissenschaftliches, anthroposophisches Material, ästhetische, philosophische, mystische Vorstellungen mögen sich hier kreuzen, durch das Bibelwort selbst in Einheit zusammenhängend. Ein Fertiges möchte um so weniger verlangt werden, je weniger man hier die Maßstäbe begrifflicher Abgrenzung und systematischen Abschlusses anlegen kann, die ja, genau genommen, überall doch mehr am Scheine haften. Vielleicht aber mag mitunter mehreres Einzelne doch tiefer weisen als ein nur vermeintliches Ganzes, als die glatte und runde Einfalt eines Weltbildes, das nur Fläche hat. 1) S. dessen im Jahre 1815 erschienenes sehr merkwürdiges Buch: „La langue Hebraique restituee." 2) In jüngster Zeit hat Hermann Beckhin mehreren Schriften das Prinzip überbegrifflich geistiger „Lautbedeutung" an verschiedenen Sprachen, namentlich am Sanskrit und auch am Hebräischen zur Geltung gebracht. 3) In dem vor kurzem erschienenen „Versuch einer Einführung in die Philosophie der Bibel" von Meier Münk erscheint in interessanter Weise gewissermaßen das formale und das inhaltliche Moment zu einem systematischen Gedankengebäude verbunden. Aus letzten Begriffen, wie z. B. denen der Identität, Einheit und Einzelheit versucht der Verfasser, überlieferte kabbalistische Gedankengänge gewissermaßen in reine Gedankensphäre spiegelnd und zu modern-naturwissenschaftlichen Begriffsformen in Beziehung setzend, sowohl das System der kabbalistischen zehn Sefiroth wie die Schöpfungsgeschichte abzuleiten.