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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 9 · p. 531

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 9
Article
Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte
Date
1924-01-01
Page
531 (sequence 1)
Language
German
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Ernst Müller; Von Wort und Sinn der biblischen Schöpfungsgeschichte ERNST MÜLLER / VON WORT UND SINN DER BIBLISCHEN SCHÖPFUNGSGESCHICHTE Unter einem zweifachen Aspekt betrachtet das moderne Bewußtsein den biblischen Schöpfungsbericht: historisch-kritisch als die mit mancherlei Widersprüchen behaftete literarische Spur uralter Schöpfungsmythen, aus monotheistisch priesterlicher Tendenz zu einer künstlichen Einheit gleichsam zusammengeflickt; und andererseits noch immer als ein kindliches Weltentstehungsmärchen, das merkwürdigerweise trotz seines „geflickten44 und übrigens auch wenig persönlichen und anschaulichen Charakters auf das kindliche Gemüt eine mächtige Anziehungskraft ausübt. Von der anderen Seite wiederum kann die buchstabengläubige, jüdische oder christliche Auffassung den Argumenten einerseits der Naturwissenschaft, andererseits der Bibelkritik nicht standhalten, so wenn man z. B. ernstlich von sechs Schöpfungstagen sprechen will, von einer vor so und so viel Jahren erfolgten Erschaffung überhaupt, jener primitiven creatio ex nihilo, welche die ganze Schöpfung so unmittelbar auf das Befehlswort hin wie bunte Daseinsvögel emporflattern läßt. Mit heiliger Scheu indessen haben sämtliche mehr oder weniger mystische Strömungen innerhalb und auch außerhalb des Judentums denselben Schöpfungsbexicht angesehen, und gerade was auf der anderen Seite Angriffspunkt des Zweifels wurde, war ihnen nicht nur Glaube, sondern Erkenntnisfundament des Glaubens. Eines aber stand allen diesen Auffassungen, wie verschieden sie im einzelnen gewesen sein mögen, als eine ewige Tradition gemeinsam fest: die Unverbrüchlichkeit des T e x t e s , der ihn selber jenem schöpferischen „Wort" verwandt erscheinen ließ, von dem er spricht — eine Einheit also von Text und Inhalt, die über den Begriff der bloßen sprachlichen „Bezeichnung" weit hinausgeht. Dem so ganz anders gerichteten, seinem eigenen Ursprung so entfremdeten Geiste der Gegenwart wird es schwer, eine Ahnung jener „mystischen" Einheit zu empfangen. Dennoch scheint es auch für ihn, um sich ihr zu nähern, drei Pforten zu geben: Form, Wort und Inhalt. Mit Absicht ist der „Inhalt" zuletzt genannt: als ein solcher, der aus dem Worte Substanz und gleichsam aus der Formkraft des Universums die künstlerische Form empfing. Form ist der Rhythmus der Tage, der in der Siebenzahl zur Vollendung, zur Krönung und Uberwindung seiner selbst gelangt, Form sind die An- und Ausklänge jedes Tagewerks, Form die Entsprechungen der Werke in und zwischen den einzelnen Tagen, Form die doppelte Dreiheit der ersten und der letzten Tage. Wort ist der lapidare Ausdruck, der nicht nur Satz und Einzelwort beherrscht, sondern 34*

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