Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Frau im Tempel und in der Synagoge
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 527 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Frau im Tempel und in der Synagoge 527 Vorsehung zeigt einen hohen Grad von Intelligenz und Überlegung. Es scheint auch, daß manche Frauen in ihren religiösen Gefühlen so weit gingen, daß sie ein regelrechtes asketisches Leben führten und nach dem Rat mancher Gelehrten sogar das Gelübde des Zölibats ablegten. Mit ihnen allerdings befreundeten sich die Rabbiner nicht und brandmarkten sie als „Zerstörerinnen der Welt". Vielleicht war es gerade zu einer Zeit, in der das Judentum für solche krankhaften Gefühle, die in religiöse Hysterie ausarteten, keinen freien Platz gewähren konnte, was wieder einige dazu brachte, in Konkurrenzsekten einzutreten oder sich der groben Unsittlichkeit hinzugeben, wie wir dies in der Geschichte der Gnostiker finden. Ähnliche Verhältnisse haben vielleicht dazu geführt, die Ansicht R. Eliesers zu verbreiten, der es, wahrscheinlich aus moralischen Gründen, für unratsam hielt, den Frauen das Studium des Gesetzes zu erlauben. Diese Ansicht war der von Ben Asai entgegengesetzt, der jeden Vater für verpflichtet hielt, seine Tochter Thorah zu lehren. Aber wenn auch der Rat des R. Elieser zu seiner Zeit richtig gewesen sein mag, so war es doch ein Unglück, daß spätere Generationen ihn weiter als leitendes Prinzip für die Erziehung ihrer Kinder annahmen. Viele große Frauen wurden zwar im Laufe der Geschichte Gesetzesübertreterinnen, obgleich sie Thorah lernten. Aber die meisten waren vollständig von den Männern abhängig und wurden in religiöser Hinsicht eine Art,,Abglanz" ihrer Männer, die durch gute Handlungen auch i h r Heil sicherten; oft war aber auch das Umgekehrte der Fall. So gibt es eine Geschichte von einer Frau, die, in moderner Sprache ausgedrückt, das Glück hatte, einen Prediger zu heiraten, und seine Predigten für ihn abschrieb; er starb, und sie heiratete dann einen grausamen Wucherer und führte nun diesem die Bücher. Die Tatsache, daß Frauen von bestimmten positiven Gesetzen, die nur zu gewissen Jahreszeiten wirksam waren, befreit waren, wie z. B. vom Nehmen des Palmzweiges am Hüttenfest, mußte auch dazu beigetragen haben, ihre religiöse Stellung im Judentum zu schwächen. Der Gedanke, daß die Frauen bei der Ausübung jedes Gebotes mit den Männern wetteifern sollten, wurde sogar für die Rabbinen ein Begriff, der nur noch mit der Vergangenheit verbunden war. Dies ist der Eindruck, den man gewinnt, wenn man die Legende von Michal, der Tochter Sauls liest, die die Gebetriemen anlegte, oder von der Frau des Propheten Jonah, die an den drei Festen immer eine Wallfahrt nach Jerusalem unternahm. Es scheint in der Tat, daß Frauen später zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse in eine andere Richtung gedrängt wurden. So wird von den jüdischen Frauen erzählt: die Töchter Israels waren kräftig und legten sich gewisse Einschränkungen auf. Es war ihnen erlaubt, eine gewisse Zahl von Stimmen zu bilden, um das Tischgebet sagen zu können, aber sie durften nicht mit den Männern zusammengezählt werden. Es war auch gegen den früheren Begriff von der Würde einer Gemeinde, wenn Frauen irgendwelchen Dienst für Männer verrichten sollten.