Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Frau im Tempel und in der Synagoge
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 526 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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526 Salomon Schechter: Neuen Testaments entnehmen), daß diese Frauen eine Art Priesterinnen oder Frömmlerinnen waren. Dagegen ist es nicht unwahrscheinlich, daß diese Verbindung mit dem Heiligtum jene religiöse Verzückung und Begeisterung hervorrief, die uns den heldenhaften Tod, den sie nach der Zerstörung suchten und auch fanden, erklärt. Zu erwähnen ist, daß es den Frauen gesetzlich untersagt war, die Hände auf den Kopf eines Opfertieres zu legen, was einen wichtigen Teil des Opferdienstes bildete. Wie jedoch ein Augenzeuge bestätigt, konnten Autoritäten die Erlaubnis auf Wunsch erteilen mit der Begründung, „die Frauen religiös ruhig und zufrieden zu wissen* *. Vielleicht noch größer war die „Lebensruhe", die den Frauen in der Synagoge gegeben wurde. Wir finden auf alten Grabschriften Ehrentitel wie „Herrin der Synagoge", „Mutter der Synagoge". Obgleich sie kein wirkliches Amt in der Synagoge bekleideten, ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie diese Titel durch ein. verdienstvolles Werk, das mit einer religiösen Handlung verbunden war, erworben hatten, z. B. durch ein Werk der Nächstenliebe. Es bestand in der Tat die Absicht, Frauen von der Synagoge während bestimmter Zeiten auszuschließen, aber fast alle Autoritäten protestierten dagegen, viele von ihnen erklärten ein solches Verlangen für vollständig unjüdisch. Manche jüdische Gelehrte glauben sogar, daß die früheren Synagogen keine Scheidewand für Frauen kannten. Ich persönlich nehme an, daß die Synagoge die Einrichtungen des. Tempels zum Vorbild nahm, wo die Frauen eigene, getrennte Plätze innehatten. Immerhin, ob sie auf der Seite der Männer oder in einem andern Teil des Baus saßen, es besteht kein Zweifel, daß die jüdischen Frauen eifrige Synagogenbesucherinnen waren. Um nur ein Beispiel zu geben: Ein Rabbiner fragt den andern: „Falls die Mitglieder der Synagoge alle Nachkommen Ahrons sind, wen würden sie dann segnen?" Die Antwort lautet: „Die anwesenden Frauen." Die Predigten waren bei den Frauen beliebter als bei den Männern. So sehr war eine Frau in die Predigten des R. Meir vertieft, die er gewöhnlich jeden Freitag Abend hielt, daß sie solange dablieb, bis die Kerzen in ihrem Haus ausgebrannt waren. Ihr fauler Gatte, der zu Hause geblieben war, nahm ihr es so übel, daß sie ihn im Dunkeln warten ließ, daß er ihr nicht eher erlaubte, die Schwelle zu überschreiten, als bis sie den Prediger beleidigt hatte, was ihm dann die Sicherheit gab, daß sie nicht mehr bei seinen Predigten anwesend sein werde. Die Gebete, die jene Frauen sagten, waren die vom Gesetz vorgeschriebenen Achtzehn-Benediktionen. Aber es scheint, daß sie gewöhnlich noch kurze, selbstverfaßte Gebete sprachen als Ausdruck ihrer persönlichen Not und Empfindung. So erzählt z. B. R. Jochanan, daß er eines Tages ein junges Mächden beobachtete, als sie hinfiel und betete: „Herr der Welt, Du hast das Paradies geschaffen, Du hast die Hölle geschaffen, Du hast das Böse geschaffen, du hast das Gute geschaffen; möge es Dein Wille sein, daß ich ihnen nicht als Stein des Anstoßes diene." — Das schöne Hebräisch, in dem das Gebet gesprochen ist und die Vorstellung der Verantwortlichkeit vor der