Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Lösung der zionistischen Krise?
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 521 (sequence 9)
- Language
- German
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Lösung der zionistischen Krise? 52i seins abzuschwören, persönliches Glück ängstlich zu meiden, da er nicht vom Zwange getrieben wird, sondern aus der Fülle seines Lebens seinem Ziele zustrebt. V. Eine „Patentlösung" der zionistischen Krise kenne ich nicht. Die an früherer Stelle dargelegten Ursachen lassen sich nicht beseitigen, sondern höchstens mildern. Es kommt darauf an, daß ein lebendiges Interesse am Lande und an der Entwicklung Palästinas erwacht. Wer nicht hinübergehen kann, muß versuchen, sein Leben mittelbar mit Palästina zu verknüpfen. In diesem Frühjahr haben Hunderte von Touristen das Land bereist und das Leben des Jischuw kennen gelernt. Alle, die ich sprach, waren voll Begeisterung und Zuversicht. Viele, die abseits standeny sind neu gewonnen worden. Die Berichte der Palästinafahrer haben erfrischend und aufmunternd auf die Hörer gewirkt. Die Sehnsucht nach dem Lande ist neu erwacht, und wer irgend kann, bereitet seine eigene Reise vor. Viele wollen das Land nicht nur sehen, sondern auch in bezug auf die eigene Übersiedlungsmöglichkeit studieren. Immer mehr Freunde und Bekannte sieht man auswandern, und einer zieht den andern mit. Diese Stimmung gilt es wach zu halten und zu stärken. Mittel sind ausfindig zu machen, um die Kosten des Aufenthalts im Lande auf ein Minimum zu reduzieren und dadurch möglichst vielen die Reise zu ermöglichen. Von Palästina aus müssen diese Bestrebungen unterstützt werden, und, wie ich höre, ist man dort bereits mit der Organisierung beschäftigt. Wer noch keine Möglichkeit hat, hinüberzukommen, soll sich wirtschaftlich (etwa durch Kauf von Parzellen, Obligationen und sonstige Beteiligungen) mit dem Lande verbinden. Vor allem aber gilt es dem erwachenden geistigen Leben Palästinas nahe zu kommen. Hebräisch muß schon deshalb erlernt werden, damit man die Presse lesen und die kulturellen Äußerungen des jüdischen Gemeinwesens verfolgen kann. Die Hemmungen des Galuth sind groß, ganz können sie nie überwunden werden. Doch kann viel zur Auflebung der Palästinastimmung geschehen. Notwendig ist dabei allerdings, daß mit der Vereinzelung gebrochen und endlich, endlich das geschaffen wird, was sich als zionistische Gesellschaft bezeichnen ließe. Der Zionismus ist schon mehrere Jahrzehnte alt und hat es noch zu keiner Gesellschaftsbildung gebracht. An Versuchen hat es nicht gefehlt; alle sind bisher gescheitert. Man gehört Organisationen an, zahlt Beiträge, trifft sich ab und zu; eine geistige und menschliche Verbindung besteht aber nicht. Die zionistischen Ortsgruppen sind gewöhnlich schlecht, und selbst wo sie gut sind, sind sie, infolge ihrer notwendig heterogenen Zusammensetzung, nicht die geeigneten Zellen für die zionistische Gesellschaft. Die aktiven Zionisten brauchen ein Milieu, das ihnen gesellschaftliches Leben ermöglicht. Es bedarf keiner Worte, daß hier nur eine Gesellschaftlichkeit verstanden wird, deren Niveau der Würde der zionistischen Bewegung entspricht. Ich denke etwa an die Gründung einer großen zioni-