Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Lösung der zionistischen Krise?
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 519 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Lösung der zionistischen Krise? 5X9 tischen Idealen schwärmen, sind Naturen, die das Leben nicht ertragen können und sich in eine Scheinwirklichkeit hineinflüchten, die ihrem eigentlichen Wesen völlig ungemäß ist, die es ihnen aber gestattet, eine Ersatzlust zu finden. Askese ist eine Abwehrbezw. Versicherungshandlung, eine Schutzmaßregel gegen die normalen Triebregungen, die frei ausströmen zu lassen der betreffende sich nicht zugestehen darf. Wir kennen zahlreiche Jugendführer, die diesen pathologischen Zustand aufweisen, und dies hat zur Folge, daß sie die Jugend nicht führen, sondern v e r führen. Denn es ist ein Verführen, wenn man junge, leicht zu betörende Menschen hindert, ihre vielfältigen Kräfte zur Ausreifung zu bringen und sie des schmerzhaften Glücks beraubt, das Wunder ihrer eigenen Existenz zu erleben. Eine Haltung, deren manische Übersteigerung die Notlage des Trägers sofort herausfühlen läßt, die der gewaltsamen Niederzwingung elementarer Lebensäußerungen ihr Dasein verdankt — eine solche Radikalität ist mit zu teurem Preise erkauft und hat sicherlich mit echter, d. h. innerlich begründeter Hingabe nichts gemeinsam. Wer in den von Beilinson propagierten „Bund" geht, ist nicht einmal „beim ersten frei", bestimmt aber ist er „beim zweiten Knecht". Es ist denkbar, daß man in einem Augenblick der Ekstase zu allem, ja zum Sterben bereit ist, aber lange Zeit mit ansehen, wie vitale Bedürfnisse verkümmern, für die Dauer auf alles freiwillig verzichten, was das Leben lebenswert macht — das kann man nicht. Denn es kommt der Augenblick, wo ursprünglichste Kräfte ihre Rechte fordern, wo man der Idee die Befugnis abspricht, menschliches Leben zu vergewaltigen, wo man den Irrtum begreift und sich zur Wehr setzt gegen ungemäße Umklammerung. Man ist kein Prophet, wenn man einem solchen „Bunde" ein klägliches Ende prophezeit. Aber der „Bund" wird ja nicht Wirklichkeit werden. Er ist nur eine Phantasie. Daß der Verfasser dies selbst am Schlüsse ausspricht, stimmt bedenklich. Also es war doch nur alles Literatur? IV. Ist Zionismus zu verwirklichen ohne Opfer, ohne Hingabe vieler Einzelner an die Idee? Nein, und abermals nein. Wogegen ich mich wende, ist die hassenswerte Methode, ein Prinzip zu Tode zu reiten und menschliche Dinge mit der Scheuklappe des Ideologen zu betrachten. Was ich angreife, ist jene Respektlosigkeit vor der Heiligkeit des Lebens, die da glaubt, aus Menschen Maschinen machen und zarte Entwicklungen zertrampeln zu können — um einer Idee willen, die nie und nimmer solche Greueltaten wollen kann und derartige Vertreterals völlig unlegitimiert in ihre Schranken zurückweisen würde (wobei in Parenthese vermerkt werden muß, daß der Idee durch solche Opfer auch nicht im mindesten gedient wäre). Opfer, um Stimmung zu entfachen — ist das ein Rezept gegen die zionistische Krise? Ist Selbstausschaltung, Lust an Schmerz und Entsagung - ist Masochismus ein erstrebenswertes Ziel unserer Erziehung? Was uns hier vor-