Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Lösung der zionistischen Krise?
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 518 (sequence 6)
- Language
- German
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5i8 Gerhard Holdheim: politischeAbsicht, politische Einflußnahme seinen Worten zugrunde lag — dann fordert der Plan den schärfsten Widerspruch derer heraus, die um keinen Preis zulassen wollen, daß der Zionismus in eine krampf- und krankhafte Übersteigerung gedrängt und seines gesunden, lebensvollen, herzenerlösenden Charakters beraubt wird. Wenn nur noch dieser Vorschlag Beilinsons die Rettung aus der Krise bringen könnte, dann wäre in der Tat der Zionismus von einer unheilbaren Krankheit befallen. Was Beilinson fordert, ist nicht mehr und nicht weniger als die Entpersönlichung des Menschen, die Entthronung seiner Souveränität. Wer dem „Bunde" angehört, hat sich seinem Kommando zu unterstellen und jeder Weisung zu fügen. Rücksichtnahme auf persönliche Fähigkeiten gibt es nicht; auch der Künstler und Wissenschaftler muß, wenn es befohlen wird, Fabrikarbeiter werden. Damit wird eine Mechanisierung des menschlichen Lebens proklamiert, wie sie schlimmer nicht einmal im Kriege zur Durchführung kam. Beilinson selbst hört schon beim Niederschreiben das Wort, das ihm der Kritiker entgegenhalten wird: Geistige Kastration. Das ist tatsächlich die richtige Bezeichnung. Man kann es auch nennen: Raubbau am menschlichen Leben. Und das alles sollte sanktioniert werden durch den kategorischen Imperativ einer Idee? Leben wir denn der nationalen Idee, damit sie täglich und stündlich wie ein Damoklesschwert über uns laste? Heißt es nicht sie diskreditieren und ihres legitimen Sinnes entkleiden, wenn man ihr, die die Herzen befreien, die Menschen stark und edel machen soll, zubilligt, daß sie blindwütig schalten und Entwicklungen vernichten darf? Ist Zionismus ein Moloch, dem man Menschendasein, Menschenglück, Menschenwürde zum Fraß vorwirft? Ganz offen erkläre ich, daß, wenn eine Idee das Opfer der Versklavung von mir forderte, ich ihr dieses Recht nicht zugestehen und sie nicht mehr anerkennen würde. Wie die Welt nicht war, eh ich sie erschuf, wie alles Weltgeschehen nur dadurch mir innerlich erreichbar wird, daß i c h es zum Weltbild forme, so kann es keine ideale Gesinnung geben, die nicht ihren Ursprung nimmt von der freien, aus tiefster persönlicher Notwendigkeit erzeugten Entscheidung des Menschen. Nun wird man sagen, daß niemand die Absicht habe, Menschen in ein Joch zu zwingen, und*daß der Eintritt in den „Bund" ein Akt freiesten Entschlusses sei. Nur diejenigen, die so von der Idee besessen seien, daß sie die höchste Vollendung ihres persönlichen Lebens in dem ständigen Dienste der Idee, in der Außerachtlassung aller individuell-menschlichen Bedürfnisse erblicken — nur an diese habe man gedacht. Ich meine nun, daß eine solche in aller Freiheit erfolgte Entscheidung nur von Menschen getroffen werden kann, die die Fährnisse und Widersprüche des Lebens kennen, die die Möglichkeiten ihrer Entwicklung zu überblicken und ihr Schicksal zu meistern verstehen. Eine solche Verantwortlichkeit kann niemals von der Jugend (an die sich Beilinson wohl vorwiegend wendet) oder von denen getragen werden, die in der Pubertät stecken geblieben sind. Der größte Teil derer, die von Opfer und Opfertod, von Märtyrertum und aske-