Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Lösung der zionistischen Krise?
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 517 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Lösung der zionistischen Krise? 517 wahrscheinlich bis an sein Ende leben zu müssen, verstrickt in die Wirtschaft des Staates, in die Kultur der Umwelt, umklammert von all den andersartigen Bedingungen und Verkettungen, und dabei die Spannkraft zu bewahren, um jene unmittelbare, leidenschaftliche Anteilnahme am Aufbau Erez Israels zu nehmen. Um ein Bild zu gebrauchen: früher fühlten sich alle interessierten Zionisten als Frontkämpfer, als unmittelbar am Erneuerungskampfe beteiligt, denn jeder Punkt zionistischen Wirkens stellte sich als Front dar; heute kann nur Palästina als Front gelten, und überall sonst ist Etappe, zumindest wird alles andere als Etappe empfunden. Wir wissen wohl, daß der bessere Zionismus sich nicht notwendig darin äußern muß, daß man nach Palästina geht; so mancher, der übersiedelt, ist weniger erfüllt von der Idee, als viele, die hierbleiben, schweigend ihre Pflicht tun und durch äußere Umstände an ihren Aufenthaltsort gefesselt sind. Aber es lebt die Vorstellung, daß nur in Erez Israel ein erstrangiger Zionismus sich bewähren kann, und die vernunftmäßige Erkenntnis, daß man auch hier oft mehr als drüben dem Aufbau nützen kann, wird immer wieder verdrängt durch eine elementare Macht, die schwer zurückzudämmen ist. Die Ferne Palästinas ist die Ursache der Erschlaffung der zionistischen Menschen, und diese Müdigkeit, die in der veränderten zionistischen Situation begründet ist, gesellt sich zu jener, von der wir zuerst sprachen: der allgemeinen Müdigkeit, die die Menschen der Nachkriegszeit notwendig befallen mußte. In diesen beiden Elementen sehe ich vorwiegend die tieferen Ursachen unserer derzeitigen inneren zionistischen Situation. III. Was ist Beilinsons positiver Vorschlag, um die Krise zu überwinden? Er sagt, man müsse ,,die große Willenserzeugung im jüdischen Volke hervorrufen". Da er zugibt, daß dies nicht ganz leicht und daß die Masse träge ist, soll ein „Bund" geschaffen werden, der die Richtung weisen und ein leuchtendes Beispiel geben soll. Hierzu ist zu fragen: Soll Beilinsons Aufsatz ein Aufruf sein, der sich an Gleichgestimmte wendet? Hat der Verfasser die Absicht, die Führung der von ihm propagierten Kämpferphalanx zu übernehmen und wollte er sagen: Ihr, die ihr zu Verzicht und Tod, zu höchstem Opfer und unbegrenzter Hingabe entschlossen seid, wendet euch an mich, damit wir uns zusammenschließen und ein historisches Beispiel geben? Ich halte dies für unwahrscheinlich, denn er hätte wohl dann nicht den Weg der Abhandlung gewählt, sondern in aller Stille gehandelt und wäre eines Tages mit seinem „Bunde" vor die erstaunte zionistische Öffentlichkeit getreten. Lag es aber im Willen des Autors, eine Forderung zur Diskussion zu stellen, deren Verwirklichung er als „die" Lösung der zionistischeniKrise ansieht, wollte er dem erkrankten Zionismus einen neuen Heilsweg zeigen, war er bemüht, der zionistischen Erziehung eine neue Richtung zuweisen und die ihm eigene Einstellung ins Allgemeine zu erheben? Wenn auch nur irgendwie eine solche