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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 9 · p. 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 9
Article
Lösung der zionistischen Krise?
Date
1924-01-01
Page
516 (sequence 4)
Language
German
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Gerhard Holdheim: mischen Jugend der Elan, den man früher an ihr beobachten konnte, in keiner Weise mehr hervortritt, so sollte man die gemeinsamen Ursachen dieser verschiedenen Erscheinungen zu begreifen suchen. Fast nie mehr ist jene Unbekümmertheit anzutreffen, die sich um die Notwendigkeiten des praktischen Lebens einfach nicht kümmerte und die der Studentenzeit einen unvergessenen Zauber verlieh. Heute verfinstert der Gedanke an Examen und Broterwerb schon die ersten Semester, und ein Nebenberuf muß die Kosten des Studiums decken. Das sind nicht gerade günstige Begleitumstände, um eine Idee auf sich wirken und in sich ausreifen zu lassen. Ist somit das eine Element der zionistischen Krise in den ungünstigen äußeren Umständen zu suchen, so läßt sich das zweite in der veränderten zionistischen Situation finden. Vor dem Kriege war Palästina für die Zionisten ein Traumland. Obwohl seit dem Siege des ,,praktischen Zionismus*i die Palästinakolonisation ein integrierender Bestandteil der zionistischen Arbeit geworden war, spielte das Land im Bewußtsein der Zionisten nur eine geringe Rolle. An eine größere Auswanderung war nicht zu denken, und nur Vereinzelte zogen Palästina ernsthaft in ihr Lebensprogramm. Der Schwerpunkt der Bewegung lag nicht in der unmittelbaren Leistung für Palästina, sondern in der Vertretung der zionistischen Idee. Der Zionismus war und fühlte sich als die große Oppositionspartei im Judentum, die die jüdische Gegenwart verneinte und ein strahlendes Bild erneuten jüdischen Lebens im Herzen trug. Seine Leistung war es, neue Erkenntnisse zu vermitteln, die Herzen aufzurütteln und ein Geschlecht heranzubilden, das das Judentum nicht als Geburtsfehler, sondern als heilig zu haltende Mitgift empfand. Treibende Kraft im Judentum zu sein — darin sah der Zionismus seine spezifische Aufgabe, es lag ihm daran, als Unruhestifter (im besten Wortsinne) betrachtet zu werden. Die jüdische Welt sollte aufgerüttelt werden aus ihrem dumpfen Schlaf, sie sollte erkennen lernen, daß sie sich durch Emanzipation und bürgerliche Freiheiten habe blenden lassen und daß Abkehr von dem Assimilationstaumel und aktive jüdische Politik die Forderung des Augenblicks bedeute. Zionist damals zu sein, erforderte Mut, denn die „kompakte Majorität" stand im anderen Lager, und Verleumdung und Hohn war eine beliebte Methode des gegnerischen Abwehr-. Versuchs. Dennoch wissen wir heute, daß die geistigen und seelischen Anforderungen des Zionismus damals unvergleichlich geringer waren. Heute ist Zionismus nicht mehr die frisch-fröhliche Opposition, sondern er ist vor eine konstruktive Aufgabe von unerhörtem Ausmaß gestellt, auf die er in keiner Weise vorbereitet war. Während früher die Bewegung durch die Ferne Palästinas der Gegenständlichkeit ermangelte, ist jetzt das Land Brennpunkt des zionistischen Denkens und Erlebens. Die Krise des Zionismus aber rührt daher, daß Palästina heute dem Bewußtsein des Zionisten nicht mehr fern sein darf und es durch die äußere Tatsache der Entfernung und des Galuthlebens dennoch ist. Man begreife diese Situation in ihrer vollen Tragweite. Man erkenne, was es heißt, chuz laarez zu leben,

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