Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- England, Arabistan und Erez-Israel
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 512 (sequence 16)
- Language
- German
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Herman Glenn: England, Arabistan und Erez-Israel gespannter Kulturen — als niedere Menschenart zu behandeln. Rücksichtslose Ausbeutung, noch rücksichtslosere Unterwerfung und Unterdrückung liefen daneben als etwas Selbstverständliches einher. Aber die heutige Aufrüttelung aller östlichen Völker läßt eine Fortdauer dieser Methoden nicht mehr zu, ihre Anwendung selbst in einem noch stark zurückgebliebenen Länderkomplex wie demjenigen Arabistans erscheint schon jetzt als maßlos gefährlich und aussichtslos. Es bleibt aber noch eine weitere Möglichkeit übrig: die Bildung einer besonderen Pflanzstätte europäischer Kultur, eines eigenen Vermittlungszentrums, das in den Augen des Orients Vertrauen genießen kann, da es niemals auf den Gedanken kommen wird, den bewaffneten Arm auf die Länder .des Ostens zu legen — die wahre Gründung des jüdischen Staates, der dem Osten die ersehnten Hilfsmittel der europäischen Technik und der europäischen Industrie ohne jene demütigende Überhebung und Unterdrückung überbringen wird, die stets im Gefolge der erobernden Großmächte auftreten* — Man wird einwenden, daß England ein solches Beginnen als hohe Gefahr für seine eigene Stellung auffassen und es darum nicht dulden wird. Dieser Einwand ist aber heute sinnlos: denn die gleichen Güter werden sonst dem Orient unter ungleich gefährlicheren Begleitumständen anderswoher zukommen — weil der Orient sie nun zu unbändig verlangt. Was der arabische Drang nach europäischer Zivilisation nicht mit unmittelbarer Duldung Englands erwerben kann, wird er erwerben auch gegen Englands Willen; die konkurrierenden Industrien der fortgeschrittensten Länder werden ihm ohnehin, ungeachtet der Schädigung aller politischen Interessen Europas, jegliche Art von Maschinen und Waffen liefern, die er nur zu bezahlen imstande sein wird; und in absehbarer Zeit werden kundige einheimische Köpfe und Hände diese Maschinen zu bedienen, jene Waffen zu gebrauchen wissen. Man wird ohnehin die Söhne der Wüste bald ebenso auf europäischen Universitäten zu sehen bekommen, wie längst schon die Söhne des Fernen Ostens, und jeder Versuch zur Absperrung wird mißlingen. England kann nur wünschen, daß die Vermittlung der europäischen Kultur an den Vorderen Orient möglichst unter seinen Augen, ja möglichst unter seiner Führung geschehe: solche Konzilianz ist vielleicht noch der einzige Weg, seine mächtige Stellung im Orient nicht zu verlieren. Es gibt aber kaum einen anderen Weg, jene Konzilianz dauernd aktiv zu bekunden, als die konkrete Errichtung des jüdischen Staates. Europa wird nicht freiwillig aus dem Orient herausgehen; unausdenkbar sind die Folgen, wenn es hierzu durch gewaltige Eruptionen erst gezwungen sein Sollte; jede Möglichkeit einer Vorbeugung, einer Verständigung, einer Vermittlung ist daher von europäischer Seite auf das sorgfältigste zu pflegen und zu unterstützen. Die Schaffung eines staatlichen Gebildes eigens von diesen Gesichtspunkten aus, die Bildung eines nicht so sehr militärischen, wie kulturellen und geistigen „Pufferstaates" auf solcher Grundlage ist aber alles eher als nur bloße Utopie: die heutige Judenheit besitzt tatsäch-