Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- England, Arabistan und Erez-Israel
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 511 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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England, Arabistan und Erez-Israel 5" restlosen Passivität weiter verharrend, zusehen, wie das zur Zeit noch so neblig schwankende Gebilde des jüdischen Staates entweder von Englands Gnaden und zu Englands Zwecken weiteres künstliches Leben erhält, oder aber: wie es, als nun in seiner Schwäche nutzlos geworden, einem schärfer vordringenden Arabertum geopfert wird. Wäre der von England im Prinzip bereits geschaffene jüdische Staat tatsächlich nichts anderes als nur ein momentaner Schachzug und Notbehelf der großen Weltpolitik: wir könnten auf jedes weitere Wollen verzichten, uns wie bisher in unbegreiflicher Passivität wiegen, die reine Spendenwirtschaft trotz ihrer politischen Aussichtslosigkeit weiter befolgen, auf neuen Kongressen ständige Fortschritte feststellen. Aber glücklicher¬ und sonderbarerweise ist das mit der Balfourdeklaration geborene Kind, eben der jüdische Staat, ein weit intensiver reales, lebenskräftiges, politisch notwendiges, gedrängt inhaltvolles Gebilde, als seine Eltern: England und Zionismus, es heute noch sehen. Man darf sagen, daß die Existenz eines jüdischen Staates, wie er heute in concreto sich am Horizont der Zukunft abhebt, für die kommende Ära des Vorderen Orients, für die Weltpolitik und für die wirtschaftliche Entwicklung der nächsten Jahrzehnte nicht minder als für die Judenheit selbst ein unabwendbares Schicksa 1 geworden ist; er kann daher auch von England nicht mehr fallen gelassen werden, auch nicht mehr einem noch so sehr erstarkenden Arabertum gegenüber. Der Orient befindet sich gegenwärtig in einem nicht mehr aufzuhaltenden Stadium der äußeren Europäisierung. Seine Ideenwelt ist bereits in einem sehr hohen Grade äußerlich europäisiert; das Beispiel Japans ist heute dem gesamten Orient das Beispiel schlechthin. Der gewaltige Vorsprung Europas läßt sich aber nicht von heute auf morgen überwinden; die kommende technische Europäisierung insbesondere des Vorderen Orients wird daher unzweifelhaft von einem aus Europa kommenden, europäische Zivilisation und Technik mitbringenden, durch Bereitstellung größerer Mittel das Land entwickelnden Menschenmaterial durchgeführt werden müssen. Es fragt sich nur, wer die Menschen dazu hergeben und in welcher Form deren Einordnung in das gegebene Leben des Orients sich vollziehen wird. Das Vorbild des insularisch isolierten Japans, das sich die nötigen Instrukteure holte und nach vollzogenen Diensten wieder wegschickte, läßt sich nicht einfach ohne weiteres befolgen; höchstens die Türkei, deren kleinasiatisches Hinterland ebenfalls einen abgeschlossenen Charakter aufweist, kommt wohl für eine solche autochthone Entwicklung noch mit einiger Sicherheit in Betracht. In den anderen Ländern des Orients trugen bisher die Europäer aus eigenem Trieb die Funktion von Überbringern fortgeschrittenerer Technik und differenzierterer Wirtschaftsmethoden. Aber um welchen Preis! Die Taktik der Europäer ging stets darauf aus, die entscheidende Macht der Technik und der Waffengewalt ganz in den Händen zu behalten, darauf allein fußend den Orient zu knechten, die Orientalen — Erben uralter, seelisch hoch-