Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- England, Arabistan und Erez-Israel
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 510 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101210-3109640--7285-3109675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herman Glenn: loyale jüdische Bevölkerung des großen Ostgibraltar zu mehren und so die arabische Irredenta im Lande zu paralysieren; aber es ist zu klug und zu vorsichtig, um diese Irredenta offen zu reizen, und es sieht seine Macht noch nicht als gefestigt genug an, um mit der Balfourdeklaration auch völlig ernst zu machen — zumal ihm die seither offenbar gewordene Passivität der vorläufig nur im „Kleinen" steckengebliebenen zionistischen Kolonisation die Aufgabe außerordentlich erschwert hat. Sicher muß man auch mit so spezifisch englischen Eventualitäten rechnen, wie dem Vorbehalt einer etwaigen möglichst rein englischen Kolonisierung Palästinas. Indes wird schon die Nähe des bedeutend reicheren Ägypten eine Ablenkung nach Erez-Israel sehr unwahrscheinlich gestalten, und die Durchsetzung des Landes mit englischem Militär und englischer Verwaltung bedeutet eben noch keine Kolonisation. Wie die Verhältnisse heute liegen, wird England also auch weiterhin die jüdische Kolonisation recht gerne sehen und sehr gern unterstützen, soweit diese das einheimische Arabertum nicht über Gebühr reizt; soweit sie also den Arabern auch greifbare beruhigende Vorteile bringt, vor allem solche wirtschaftlicher Natur, und soweit so die englische Position als oberster Walter, Richter und Schiedsrichter im Lande noch weiter gestärkt wird. Dämpfungen der Immigration den Arabern zulieb werden also zwar eine stehende Erscheinung bilden, aber nur solange nicht eminente politische Gegengründe ein neues Freigeben befürworten. E i n solcher Gegengrund ist in latenter Stabilität ununterbrochen da: die Notwendigkeit des jüdischen Staates für englische Zwecke als Machtfaktors — zunächst freilich nur mehr ideellen Machtfaktors — gegenüber der realen Macht Arabistans. Aber ununterbrochen wird abgewogen, inwieweit das Einsetzen dieses Machtfaktors, inwieweit seine wachsende Realisierung den englischen Interessen unmittelbar dient, und inwieweit auf der anderen Seite die Rücksicht auf die Araber, für die man so Zuckerbrot und Peitsche stets in der Hand hat, nicht momentan lohnender ist und so mehr oder minder starke Dilatationen des noch so unfertigen und formbaren Gebildes verlangt. VIII. Selbstverständlich ist das heutige Arabien kein nennenswerter Gegner für England, nicht der eigentliche Partner des so meisterhaft eingeleiteten Spiels um den Besitz des ganzen südlichen Orients; auch nicht die latente, übrigens immer deutlichere Formen annehmende Zielgemeinschaft Ägypten- Arabien-Indien ist in dieser Rolle entscheidend. Die eigentlichen Gegner, im Spiel selbst nicht hervortretend, sitzen ganz anderswo: in Moskau und in Berlin, in Tokio und in Konstantinopel. Unter solchem Aspekt mag der Spielstein „jüdischer Staat" in den Händen Englands seichteren Blicken als halbes Spielzeug erscheinen, als irrelevant im eigentlichen Getriebe der großen Politik. Wenn dies wahr wäre, so wäre unser Tun, politisch wenigstens, rein verloren; müßten wir einfach, in der bisher geübten, nahezu