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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 9 · p. 508

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 9
Article
England, Arabistan und Erez-Israel
Date
1924-01-01
Page
508 (sequence 12)
Language
German
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5<>8 Herman Glenn: englische Politik ist niemals eine solche bloß von heute auf morgen gewesen. Ein kraß militärisches Gibraltar von der Art und dem Ausmaß des westlichen zu errichten, würde aber im Orient erstens einmal nicht im entferntesten genügen, zweitens in der damals mit dem Dunst von Kanonenpulver und Freiheitsphrasen erfüllten Atmosphäre der Welt nicht gut angängig gewesen sein. Dagegen dieses östliche Großgibraltar als jüdischen Heimstaat, als Mandatsobjekt für ein idealstes Ziel, als Vorderposten europäischer Kultur und Zivilisation unter großphilantropischen Aspekten zu schaffen: eine willkommenere Geste war damals kaum auch nur denkbar, und selbst die Echtheit des Geschenks als Geschenk war nicht einen Augenblick zu bezweifeln. . , . Zwar haben wir das Geschenk noch nicht; auch sind die Verhältnisse immer noch viel zu labil, als daß wir uns in allzu überspannte Hoffnungen für die nächste Zukunft verstricken dürften. Aber wenn diese Verhältnisse sich in den heute schon recht deutlich vorgezeichneten Richtungen den politischen Wahrscheinlichkeiten gemäß etwas weiter entwickelt haben werden, kann leicht in einem entscheidenden Moment plötzlich jener Zustand eintreten, demzuliebe England eben durch die Kundgebung der Balfourdeklaration den jüdischen Staat als Mittel seiner Macht- und Realpolitik erst neu erschaffen hat: ein Zustand, bei dem das Gleichgewicht der Kräfte zwar immer ncch lange nicht erreicht, aber wenigstens etwas angenähert sein würde eben durch die bloße Existenz auch eines jüdischen Staates neben den angrenzenden muselmanischen — und in gelegentlich erreichbarer Nähe des großen russischen Reiches! Und so wurde der jüdische Staat, wenn auch zunächst nur im Geiste — irgendwie werden wir vielleicht, hohen Traditionen gemäß, auch nach der Verwirklichung unserer Wünsche ein Staat im Geiste bleiben — von englischer Staatskunst als Hebel an delikatester Stelle, als Schaltknopf Europas an der Mauer des Orients geschaffen. Und wir mußten dieses hochgefährliche Geschenk annehmen, um es aus eigener Kraft zu einem Geschenk für den Orient auszugestalten; und weil wir ein solches Geschenk nicht einmal aus Molochs Hand — der Hand des großen Krieges, aus der es kam — haben ablehnen dürfen. Die verhängnisvolle Rolle des Mittlers fällt uns dabei nun zwar wieder einmal unvermeidlich zu; wir waren in Europa die besten Europäer und wurden darob von den divergierenden einzelnen Völkern, die eben Völker und nicht Europäer sein wollten, verfolgt, verlästert und gehaßt; wir sind daran, im Orient wieder die besten Orientalen zu werden, den Völkern des Ostens die in zwei Jahrtausenden europäischer Verbannung gewonnenen Erfahrungen und Kenntnisse als Voraussetzung ihres eigenen künftigen Erwachens zu neuem freieren und reicheren Leben durch Arbeit und Vorbild zu schaffen — und von ihnen darob ebenfalls verfolgt und verlästert zu werden. Weil die Völker des Orients in ihrem absoluten Mißtrauen gegen alles Europäische in uns die willfährigsten Werkzeuge Englands sehen werden, weil sie zwar Vermittlung der europäischen Zivilisation und Technik,

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