Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- England, Arabistan und Erez-Israel
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 507 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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England, Arabistan und Erez-Israel 507 richten sich heute schon, nahezu völlig bewußt, alle Völker des Ostens ein; und auf diese Möglichkeit, mag dies politisch auch recht schmerzlich sein, muß auch England immer mehr seine gesamte Wirksamkeit im Orient einrichten — und es hat dies in bewundernswerter Klarheit, wortlos allerdings, vom ersten Moment an in der neuen weltpolitischen Situation getan. VI. Was hat England eigentlich bewogen, die Balfourdeklaration — eine Magna Charta ohne Präzedenz in der Geschichte, trotz Kyros — in einem psychologisch äußerst denkwürdigen Zeitpunkte des großen Krieges der aufhorchenden Welt kundzugeben? Das Verdienst der zionistischen Adepten und Führer, die der englischen Macht diese seltsame Trumpfkarte vor- und nahegelegt haben, bleibe durchaus unbestritten; ebenso unbestritten war in jenem Kriege der Wunsch nach einer großen Geste äußerst lebendig, das amerikanische Vorbild schmerzte zu sehr, man brauchte unbedingt — auch vor der eigenen Seele — Großmut, Edelsinn, Befreierworte, schon um die großen Kriegermassen auch ohne ganz klares religiöses Ziel bei der Stange zu halten. Naivster Optimismus glaubt selbst heute noch, eine ununterbrochene Fortsetzung jener Politik des Großmuts in Palästina immer wieder erhoffen oder gar noch verlangen zu können: darüber ist kein weiteres Wort zu verlieren. Viel eher muß man nach jenen allernächsten Zwecken fragen, die tatsächlich allein den Ausschlag für die Deklaration gegeben haben: woher diese Bindung? wozu diese Bindung? Man vergesse eines vor allem nicht. Zu jener Zeit war der nur wahrscheinlicher gewordene Sieg der Alliierten noch keineswegs sicher; sicher geworden war aber, daß selbst England bei einem europäischen Großkrieg im Orient gelähmt ist — Gallipoli allein war Warnung genug. Arabien war damals, gegen die Türkei, unbestrittener Mitfolger englischer Politik; ebenso halfen Indien und (angesichts australisch-kanadischer Gewehre weit mißtrauischer) Ägypten, in der Hoffnung auf kommende und ja eigentlich fest versprochene Autonomie, noch sehr beträchtlich mit. Trotzdem schwankte der ganze mächtige Bau. Die Mitwirkenden von heute konnten vielleicht noch als Mitwirkende von morgen angesehen werden, mußten aber für eine nahe Zukunft schon, besonders da die versprochene Autonomie sich als bloßes Scheinbild erwiesen hat, als mögliche ernste Gegenkräfte gelten. Wenn in einer kommenden Verwicklung der Vordere Orient in seiner Gesamteinstellung gegen England reif ist — er ist es vielleicht schon heute völlig bewußt —, so ist dort jeder feste Posten, jedes Groß-Gibraltar gar (denn England weiß genau, was ein solcher Stützpunkt bedeutet) von unermesslichem Wert. Ein solches Großgibraltar im Vorderen Orient zu schaffen, war für Engend im Verlauf des großen Krieges eine absolute Notwendigkeit geworden: Notwendigkeit für die kommenden Jahrzehnte wohlgemerkt — aber die