Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- England, Arabistan und Erez-Israel
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 506 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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5o6 Herman Glenn: dern Großmächte, etwas gegen den überstarken englischen Arm zu unternehmen. Aber auf dem Wege der Konzessionen mußte England nun immer weiter gehen; jeder Schritt zieht dabei bald den nächsten nach sich, obwohl der Gegner so nur im Bewußtsein seiner Kräfte gestärkt wird. Der Orient hat bereits erkannt, daß Europa auch sehr beträchtlich nachzugeben versteht, wenn es muß. Als Lloyd George gegen türkische Ansprüche auf Entfernung des bewaffneten Riegels zwischen Kleinasien und Konstantinopel mit einem neuen Krieg drohte — der Löwe Orient hätte sich dabei vielleicht seines Bändigers entledigt —, mußte er, wenn auch scheinbar aus anderen Gründen, gehen: und der inkriminierte Riegel wurde dann doch ganz wortlos entfernt, die bereits gewonnene unendlich kostbare Stellung am Goldenen Horn wortlos wieder aufgegeben — denn England braucht jetzt im Orient den Frieden, fast um jeden Preis. Die Befriedung des Arabertums, und sei es selbst durch äußerst weitgehende Hilfe an die werdenden arabischen Staatsgebilde, ist heute ebenfalls eine der zum Teil sehr bitteren Notwendigkeiten der englischen Weltpolitik, die den Vorderen Orient nicht aufgeben kann: obwohl sich dort im tieferen Grunde jetzt schon eine Situation ergeben hat, die eigentlich nur als ein Entweder-Oder gekennzeichnet werden muß — Arabistan oder England. Hedjas und Irak, auch die arabischen Kleinstämme, nehmen Englands Hilfe natürlich gerne an — aber nur, um in naturgegebener Entwicklung Waffen gegen England zu schmieden, vor allem die Waffe des völkischen Willens. Die Chancen des Arabertums sind völlig klar. Erstarkung des nationalen Gesamtwillens: diese ist durch die Ereignisse seit dem Weltkriege, durch die Revolutionierung des Geistes vom russischen Zentralherd aus, durch das anfeuernde Beispiel der Türkei von selbst gegeben. Hoffnung auf von Natur befreundete vielfache Hilfe: von Melilla über Kairo bis nach Kalkutta ist sie gegeben, mit jedem Tage bereitwilliger, alle fremden Joche abzuschütteln. Aussicht auf Unterstützung durch englandfeindliche Großmächte, gelegentlich sogar durch offizielle Verbündete des Britenreiches: überreichlich ist diese Möglichkeit tatsächlich vorhanden — Rußland und Frankreich, Deutschland und Japan können hier friedlich unter der Oberfläche zusammentreffen, wirken auch heute schon mit Tausenden unsichtbarer Fäden; ganz abgesehen von der ihre Aspirationen keineswegs aufgebenden Türkei, die dem neuen Arabertum wenigstens zunächst ganz andere Konzessionen zu bewilligen bereit sein würde, als in dem patriarchalischen Aufbau vor dem Kriege. Die größte Gesamtchance ist aber zweifellos: durch die Heranzüchtung einer tragfähigen staatsbildenden Schicht und Oberschicht im gegebenen günstigen Augenblick den in seinen Umrissen schon jetzt fertigen arabischen Großstaat zu errichten, unabhängig von allen europäischen Kolonialmächten, unabhängig vor allem von England, unabhängig aber auch von der Türkei. Jener günstige Augenblick wird mit dem Moment des Ausbruchs eines neuen Weltkrieges einfach da sein. Auf diese Möglichkeit