Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 9 · p. 504

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 9
Article
England, Arabistan und Erez-Israel
Date
1924-01-01
Page
504 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101210-3109640--7279-3109669
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

504 Herman Glenn: gelangte Häuptlinge mit einem Male von einer Volkswoge getragen sein könnten, die stärker war als die Servilität von Günstlingen: die eben sogar aus den Günstlingen von gestern Volksführer von morgen machen konnte und machen mußte. Niemand von den englischen Staatsmännern hat wohl 1918 gewußt, daß aus einem zusammengestückelten föderativen Arabien von Englands Gnaden geradezu über Nacht schon das Bild eines von vielen Millionen erträumten Arabistan herausschauen werde, das zumindest auch Ägypten umfaßt und selbst bis nach Marokko auf der einen und bis nach Indien auf der anderen Seite hinüberschielt. Das Ziel ist gewiß nicht aus eigener Kraft zu erreichen; aber niemand kann wissen, wie die nächsten Erschütterungen der Weltpolitik aussehen werden; und was die eigene Schwäche heute noch nicht vermag, wird im Momente stärkster Bindung des mächtigen Protektors die eigene relative Stärke vielleicht doch noch können — keine Phantasie ist für einen Großkrieg der Zukunft zu kraß. Das Schicksal Arabistans wird vielleicht auf den Schlachtfeldern Syriens, vielleicht weit eher in einem neu aufflammenden Europa mit entschieden werden; der ganz klare Wille zum großen Nationalstaat ist aber dem arabischen Gesamtvolke bereits deutlich zum Bewußtsein gekommen, trotz Stammesfehden und sogar Stammeskriegen, die ja* oft einem Nationalstaat vorangehen — vor 1870 war naturgemäß 1866. In früheren Zeitläufen, nämlich vor dem Weltkriege und vor der russischen Revolution, wäre derartiges Sinnen eine bloße Phantasmagorie gewesen. Und auch heute werden viele Fernerstehende, aber auch viele Zunahestehende, den Gedanken an ein in absehbarer Zeit realisierbares Groß- Arabistan, wie es heute einer Oberschicht des Arabertums faszinierend vorschwebt, als Chimäre betrachten. Aber es kann keinem Zweifel unterliegen, daß auch im Bewußtsein des Volkes die Dinge in ganz kurzer Zeit so weit gediehen sind, daß, nötigenfalls auch gegen den Willen der offiziellen Führer — die noch vielfach auf England angewiesen sind —, jener Gedanke die Mentalität des ganzen Vorderen Orients erfüllen wird, die eigentlich türkischen Gebiete allein ausgenommen. Aus den gefügigen Werkzeugen englischer Politik sind Magnaten hervorgegangen, die der Volksstimmung nachgeben und nachgeben müssen: einer Volksstimmung übrigens, die mit ihren eigenen Gedanken und Wünschen übereinstimmt. Die Entwicklung ist zwangsläufig, die nationalen Träume echt, das Vorbild Europas in einer Weise maßgebend, wie man es vor wenigen Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte. Wenn einem solchen Kollektivwillen gegenüber andersgerichtetes Wollen ebenbürtig bestehen soll, so müssen schon sehr wesentliche und letzten Endes auch höhere Momente gegeben sein, die dem erneut erwachten Expansionsdrang eines einst großen Volkes unbedingte Grenzen zu setzen das innere Recht haben. Und wir müssen hier deutlich zwischen einem englischen und einem jüdischen Standpunkt unterscheiden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.