Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- England, Arabistan und Erez-Israel
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 501 (sequence 5)
- Language
- German
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England, Arabistan und Erez-Israel 50i Machtpräponderanz des europäischen Staatenkonzerns vorbei sind: dieser Umbruch der seelisch-geistigen Grundeinstellung des Orients ist seit dem letzten Kriege einfach da. Gewiß bleibt es ein Ding der reinen Unmöglichkeit, gegen einen europäischen Großstaat von heute mit den kleinen Mitteln primitiver Volksleidenschaft erfolgreich anzukämpfen. Aber die Schwäche des heutigen Europa liegt in der vollkommenen Labilität der nun geschaffenen Verhältnisse, in der Möglichkeit, daß eines schönen Tages die europäischen Hauptmächte alle ihre Kräfte restlos in einem neuen Kampfe untereinander einzusetzen haben werden, und daß dabei die weniger vitalen, heute schwachen, anderen Nationen zu ungeahnten äußeren Erfolgen kommen könnten. Schon vor Jahrzehnten hat der nationalste Dichter eines der damals noch unterdrückten europäischen Völker, der Pole Mickiewicz, in gläubigen Versen gefleht: „Den großen Krieg der Völker gib uns, o Gott, Du Herr!"; die Zukunft gab seiner Auffassung recht. Andere, für die europäische Gesamtkultur weniger gewichtige Völker, wie die Tschechen und Rumänen, haben zuletzt nach außen nicht minder erstaunliche Erfolge aufzuweisen gehabt als das neu erstandene Polenreich. Die Völker des Ostens haben den ihnen so erteilten Anschauungsunterricht der Geschichte sofort verstanden. — Im Vorderen Orient haben die Türken zunächst das Schicksal der Besiegten geteilt. Allenby hat in Asien vollendet, was viele Jahrhunderte vorher Karl Martell in Europa besiegelt hatte: die Zurückdrängung des kriegerischen Islam, wie ihn damals noch allein die Araber, heute noch allein die Türken repräsentieren. Das tapfere Volk der Osmanen hat sich nicht früh und nicht stark genug zivilisatorisch europäisiert; es hat nicht mit der absolut mechanisierten Konsequenz Japans die technische Entwicklung mitgemacht, die heute allein für die politische Macht entscheidend ist; es hat auch nicht rechtzeitig genug den Völkerschaften seines früheren Reiches jenes Minimum föderativer Freiheit gegönnt, ohne die ein heutiger Staat nicht ruhig — und nicht sicher genug — bestehen kann. Und so mußte dieses Volk, das einzige wirklich heroische Element des heutigen Islam, sein schon vorher an der europäischen Seite zerschmettertes Reich nun auch im Orient zugrundegehen sehen. Die Vormacht der mohammedanischen Welt hat aufgehört, Weltmacht zu sein, hat freiwillig ihrem Kalifatsvorrang entsagt und befindet sich jetzt in den ersten Anfängen eines Wiederaufbaus, dessen Richtung und Aussichten noch völlig unklar sind: klar ist nur das naturnotwendige Expansionsbedürfnis nach dem islamitischen Süden hin, zurück nach Syrien und dem Irak. Es ist durchaus möglich, daß dabei der Osmanenstaat als Gegengewicht gegen die irredente arabische Welt das Gebilde eines jüdischen Heimlandes in Palästina ebenso begünstigen wird, wie heute England es aus gleichen Gründen prinzipiell tun möchte: indes seien derart unsichere Faktoren nicht erst weiter in den Kreis der Betrachtungen gezogen.