Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- England, Arabistan und Erez-Israel
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 498 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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498 Herrn an Glenn: nicht erst andere vorgeschoben, höchstens mitunter auch andere gutgeheißen, wenn sie das Land rascher zu erschließen mithalfen. Das Problem Palästina jedoch ist für England heute noch lange kein direktes Kolonisationsproblem: das Land ist klein und arm, eine die Kolonisten anlockende sichere und rasche Aufstiegsmöglichkeit ist nicht gegeben. Das stolze Imperium, das in Australien und Kanada allein schon noch auf Jahrzehnte hinaus die unbestrittensten reichsten Chancen für überschüssige Volkskräfte zu bieten hat, braucht wahrlich das kleine Stückchen Erde zwischen Jordan und Mittelmeer als Kolonialgebiet nicht, würde auch kaum eigenes Menschenmaterial finden, das dort hinmöchte: außer etwa Soldaten und Beamten, die hin m ü s s t e n. Es war einzig das politische Interesse, das England nach Palästina trieb; und einzig das politische Interesse hält es dort auch heute noch, und mit jedem Tage nur stärker, fest. Denn aus der noch vor wenigen Jahren völlig unklaren politischen Konstellation in Europa und dem Nahen Orient haben sich inzwischen, in erstaunlich kurzer Zeit, derart deutliche Konturen und Horizonte abgehoben, daß das innere Gesicht Vorderasiens für die aufmerksamsten — nämlich die interessiertesten — Beobachter nunmehr aus einem völkerpsychologischen Rätsel zu einem völkerpolitischen Problem geworden ist. England hat diesen Prozeß bestimmt nicht gewollt, sicherlich hat es ihn durch seine tief umschichtenden neuen Bildungen in den Vorländern Indiens eher aufzuhalten gesucht; statt dessen hat das Imperium die Jahrhunderte hindurch zurückgedrängte Klärung unglaublich gefördert, und es steht jetzt vor vollendeten Tatsachen da, die weit stärker sind, als es die verantwortlichen Träger des heutigen Systems dort zugeben würden. England hat für Völkerpsychologie ein sehr großes und bis jetzt eminent erfolgreich gebliebenes, aber doch nur höchstens verwaltungstechnischos Interesse, das alle nötigen Gegenmittel stets parat zu haben glaubt und darüber hinaus sich keine Gedanken macht. Infolgedessen hat England in den wenigen Jahren, die ihm bis jetzt nach Beendigung des Weltkrieges zur Verfügung gestanden haben, im Nahen Orient mit seinen längst überlieferten und tausendfach erprobten Methoden gearbeitet: Befriedigung scheinbar äußerst weitgehender Wünsche der eingesessenen Bevölkerung, kluge Anpassung an nationale Sonderarten, möglichstes Zurücktreten der eigenen Vormacht im äußeren Bilde der Gesamt Verwaltung, intensivste Pflege dieser Vormacht hinter den Kulissen — daneben selbstverständlich stillschweigendes Ergreifen aller positiven Machtmittel, aller strategisch entscheidenden Punkte im Lande, sowie die Wahrung der eigenen obersten Entscheidungsgewalt in allen letzten Endes allein wichtigen Dingen. Nichts ist in dieser Rechnung falsch; es fehlt nur die hinreichende Berücksichtigung eines einzigen Faktors, den zu verachten England im Laufe vieler kolonisatorisch großtätiger Jahrzehnte allzu gründlich gelernt hat: die Berücksichtigung des Seelenlebens der zu verwaltenden Menschen und Völker über die Sphäre des Gewohnten hinaus. Gegen die anscheinend