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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 494

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Aus Israels Vergangenheit und Gegenwart
Date
1924-01-01
Page
494 (sequence 4)
Language
German
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494 Umschau: Geschichte war Israel vorher gewesen, als ein Nomadenvolk wiederum zog es erobernd in Kanaan ein. Nomaden aber lieben die Arbeit nicht, sie arbeiten nur soviel als nötig, verschwenderische, sorglose Grandseigneurs mit dem, was sie haben. Sie sind auch wohl primitive Händler, Vermittler zwischen den Kulturländern, an deren Rande sie leben. Denn der Nomade besitzt, die nötige Beweglichkeit, ihm stehen auch die Beförderungsmittel, die die Zeit kennt, zur Verfügung, er kommt mit den verschiedensten Nachbarn in Berührung, er benötigt allerlei Erzeugnisse des ansässigen Lebens, die er nur im Tauschwege erlangen kann. Ihm eignet vor allem auch das notwendige psychologische Rüstzeug des Händlers: er ist weltläufig, kühn, entschlossen, unternehmungslustig, weitsichtig. Er lebt nicht eingeschlossen mit dem engen Gesichtskreis der Umgebung, er schweift über weite Räume, und die Größe der Entfernungen schärft seinen Blick, erweitert seinen geistigen Horizont. Man muß auf einem großen Raum leben und eine entsprechende Vorstellung besitzen, um kühne und große Unternehmungen zu begreifen. Freilich erleichtert in kleinen Staaten wie vor allem in Städten die größere Intensität des Lebens und die schnellere soziale Bewegung große geistige Fortschritte. Demgegenüber ist der Nomade kühn und eroberungssüchtig, aber konservativ und in dem sozialen Organismus primitiv. Dieser Konservativismus und soziale Primitivismus des ursprünglichen Nomadenideals hat in der geistigen und politischen Geschichte des alten Israel zur Königszeit eine entscheidende Rolle gespielt. In gewissem Sinne war Stadt und Urheimat der Indogermanen und das europäische Zahlensystem, Berlin 1890, S. 7) aus ursemitisch tauru (hebr. sor) ab. In Mittel- Europa treffen wir die Viehzucht gleichzeitig mit der neolithischen Kultur an, von der M. Hoernes (Urgeschichte der Menschheit, Göschen, 4. A., S. 52 f.) behauptet, daß sie zugleich mit der Haustierzucht ,,aus südlichen oder östlichen Ländern nach unserm Weltteil" gebracht wurde. Ebenso ist die Heimat der Bronzekultur in Vorderasien. Vielleicht weist auch die Entdeckung des Urweizens (1906 durch Aronsohn) und der Urgerste im Hermon in diese Richtung. Jedenfalls ist es völlig unbegründet, zwischen Semiten und seßhafter Ackerbaukultur charakterologisch unterscheiden zu wollen. Königshof gegenüber der Prophetenpartei „vorgeschritten", ebenso wie später die Sädduzäer den Pharisäern gegenüber. Freilich schildert die biblische Erzählung die Patriarchen als ausgesprochen friedliche, nur noch halbnomadische Herdenbesitzer, — aber die Hebräer, mögen sie zu den nomadisierend-plündernden Chabiri, mögen sie zu der großen Nomadenwelle der Aramäer gehört haben, müssen in der ältesten Schicht echte Nomaden gewesen sein. Da mag jener harte, kühne, von heißer Sinnlichkeit durchbebte Erobererwille geschaffen worden sein, der im jüdischen Händler und Börsenspekulanten noch heute lebt, der Mut zu Abenteuern, zu neuen Wegen, zumva banque- Spiel. Und daneben steht schon in der Urzeit der Gegensatz: der hart arbeitende, zähe, mit der Notdurft des Lebens ringende Jude, der Jude der Unfreiheit. So hatte schon der Aufenthalt in Ägypten seine große Bedeutung; zu entscheidendem Schicksal aber wurde er für^Israel durch die Art seiner Beendigung. Über die neuesten Forschungen auf diesem Gebiete gibt der Ägyptologe der Universität Liverpool, T. Eric Peet, eine vorzügliche und klare Übersicht, die zugleich für den Bibelleser als eine Einführung in die Ägyptologie dienen kann. Gerade auf dem Gebiete der Geographie des Auszuges der Kinder Israels aus Ägypten haben die letzten zehn Jahre, insbesondere durch die Forschungen A. H. Gardiners, neues Licht gebracht. Auf die Frage der Bibelkritik geht Eric Peet nicht näher ein, aber sein allgemeiner Standpunkt zu den Fragen der Mythologie und Historik kann als Resume dessen betrachtet werden, wozu geschichtliche Forschungsmethode heute gelangt ist. Er unterscheidet ihrer Quelle nach drei Arten von Mythen und Sagen: solche, die an Naturereignisse anknüpfen, dann solche, die an Tatsachen der sozialen Ordnung sich anschließen und letztens solche aus magischkulthaften und geschichtlichen Motiven. Er stellt als Regel auf, daß die einst so beliebte Naturmythenerklärung nur subsidiär in Betracht gezogen werden soll; die überwiegende Mehrheit gehört den beiden anderen Gebieten an. Hier wiederum darf bei den soziologischen Mythen nicht vergessen werden, daß das Ungewöhnliche viel öfter zur Sagenbildung reizt als das Normale. Dies erscheint mir als ein sehr fruchtbarer Gedanke. So mag ein mutterrechtliches Mythenelement nicht davon zeugen, daß Mutterrecht üblich war, sondern sich im Gegenteil um einen um so auffallenderen

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