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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 486

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Der Dichter Ernst Toller
Date
1924-01-01
Page
486 (sequence 4)
Language
German
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486 Bemerkungen: Der Dichter Ernst Toller Menschheit, dieses „Ja" des Dichters. Ein shakespearescher Bettler daneben gibt das aus schmerzlichsten Erfahrungen geborene „Nein" des Dichters. Der Held des „Ja" geht zugrunde, verraten von den alten Masseführern, die nichts von ihm verstehen und nur seine Konkurrenz fürchten. Er wird von der gegen ihn aufgehetzten blinden Masse, gerade von den Menschen, denen er zum Siege verhelfen wollte, erschlagen. Die letzten Worte spricht ein uralter, halb wahnsinniger Weber, in dem bei aller Umnachtung das Suchen nach dem Geist immer noch lebt: „Man muß einander helfen und einander gut sein." Tollers zuletzt veröffentlichtes Drama ist der „Hinkemann". Dieses Werk sucht nicht mehr neue Wege, um den Geist (wie heißt es doch so schön) zu „realisieren". Hier wächst ein Problem, eine Gestalt, eine Erzählung, wächst auf zur großen Klage über die Menschheit, die die Liebe und den Geist tötet und müde zugrunde gehen muß. Die bittere Klarheit von der Welt der Dinge hat Wurzel geschlagen und ist stark geblieben: ,,Man sagt sich manchmal, man ist ein Stück Leben und lebt.. .. Wer Wahrheit her ausstudieren will oder gar Zweck, der beginnt das Gleiche wie jener Mensch, der aus einem wachsenden Zwetschgenbaum Wahrheit oder Zweck herausstudieren wollte". Wir wissen nicht, wie es in dem Dichter reifte, aber es ist so: zum Ekel wurde ihm die Phrase: „Der Mensch ist gut" und nicht minder die „Gemeinschaft". Je fester der Dichter in der Welt Wurzel faßt, desto klarer wird ihm das Wissen vom Geist. Und es ist schon fast völlige Klarheit, wenn er sagt: ,,Ein Geist sind wir, ein Leben. Und es gibt Menschen, die sehen das nicht. So sind die Menschen, und könnten doch anders sein, wenn sie wollten. Aber sie wollen nicht." Würde ihm, dem die Notwendigkeit allen Werdens schon klar sein muß, nun auch noch weiter klar, daß unser Wille ein Teil allen Werdens und damit notwendig ist, — wäre es möglich, daß Toller noch diese letzte Konsequenz ziehen kann, um dann doch den Geist jubelnd zu bekennen. . . . Wir gedenken nicht, den Dichter Ernst Toller auf seinem Wege leiten zu wollen. An jeden suchenden Menschen treten unzählige Ansichten und Theorien heran. Und alle reden vergeblich auf ihn ein. Er ergreift den Irrtum oder er ergreift die Wahrheit, wohin zu greifen ihm bestimmt ist. Ernst Toller steht an der Schwelle der Wahrheit, die uns Juden und der ganzen Menschheit Spinoza offenbart hat. Nein, er steht nicht mehr an der Schwelle, er steht schon mitten darin. Es ist vielen nicht gegeben, Stufe um Stufe hinaufzuklimmen, und stehen doch mitten drin in der Liebe, mit der Gott sich selbst liebt, amor dei. Für Menschen mit dem bohrenden Verstände Ernst Tollers ist es auch möglich, die Stufen hinauf- und hinabzugehen. Aber ob er dazu gelangen wird oder nicht: er weiß von der Liebe und singt uns Lieder von der Liebe. Ein solches Lied ist Sein „Schwalbenbuc h". Da sind noch Schlacken und Unebenheiten, und ist noch viel Ekel vor dem Menschen, dem doch seine Liebe gehört und stets gehören wird. Singt doch der Mensch zusammen mit den andern Wesen ,,im hymnischen Chor der Welt". Es ist da aber auch schon vollendetes Wissen im Sinne Spinozas, wenn er sagt: „Ich will dich lieben mit tiefer Liebe, weil ich weiß, was Schicksal dich tun hieß." Und so wunderbar verwandelt ist er schon durch die Liebe, daß er, der Gefangene, hinter dem Gitterfenster jubelt: „Ich atme im Mittag süße Beglückung! Erde! Geliebte!" Ist er am Ende seines Leidensweges? War dies die letzte Wandlung? Ihm ist es heute Gewißheit: „Bevor nicht die Menschen wiederfinden den Grund ihrer Tierheit, Bevor sie nicht sind, Sind Wird ihr Kampf nur wert sein Neuen Kampfes, Und noch ihre heiligste Wandlung Wird wert sein neuer Wandlung." Es gibt eine letzte Wandlung. Es gibt ein Eingehen in die Wahrheit und dann nur noch Befestigung und immer größere Sicherheit. Das ist etwas anderes, als man es mitunter bei den ewigen „Wandlern" sieht, die dann einmal müde halt machen und (mit innerlich schlechtem Gewissen) proklamieren, es sei erreicht. Es gibt ein Eingehen in die Wahrheit, die sich von dem Irrtum dadurch unterscheidet, daß es kein Hinausgehen mehr gibt.

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