Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der Dichter Ernst Toller
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 485 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Der Dichter Ernst Toller 485 Friedrich: Zum Menschen. Schwester: Und weiter? Friedrich: Weiter? . . . Ich sorg mich nicht drum. Mir ist, als war ich in einem unendlichen Meer verwurzelt. Es ist so schön, zu wissen, daß man Wurzeln hat und sich doch treiben lassen kann." Es kam die Revolution, in der Toller wie wenig andre seinen Glauben durch letzte Hingabe bewährte. Sein reines Menschentum erzwang selbst bei seinen erbitterten Feinden und Besiegern Achtung, so daß sie ihn nur auf 5 Jahre einkerkerten. So sitzt er seither, fern den Menschen, fern der Politik, weiter suchend, und vor allen Gefahren der Einsamkeit geschützt durch den Geist, der in ihm lebt und sich ihm immer klarer entfaltet.1) Zuerst zerbrach der Traum, durch die Revolution dem Geist zu Hilfe zu kommen. Der geistige Mensch, der die Revolution wollte und mit entfachte, muß sehen, wie das Werk ihm aus den Händen genommen wird. Die Masse und ihre namenlosen Führer suchen nicht den Geist, sondern die Macht. Auf der Gegenseite ist es die Phrase „Vaterland", hier die Phrase ,,Masse", die beide den nackten Egoismus verkleiden. Vor dem Schrei „Die Masse gilt!" verstummt das Schluchzen: „Der Mensch gilt." Das ist der Konflikt in dem Drama „Masse Mensch". Dieses Drama ist eine packende Darstellung der Münchener Revolution. Was dargestellt ist, sind weniger die Ereignisse als die Ideen, die miteinander kämpften. Hier seien sie noch einmal mit Tollers Worten gegenübergestellt: Der namenlose Führer hat den Befehl zum Geiselmord gegeben: ,,Ihr rächt eure Brüder! Masse ist Rache am Unrecht der Jahrtausende! Masse ist Rache!" Da wirft sich die Heldin entgegen: >,Masse soll Volk in Liebe sein. Masse soll Gemeinschaft sein. Gemeinschaft ist nicht Rache. Gemeinschaft zerstört das Fundament des Unrechts. Gemeinschaft pflanzt die Wälder der Gerechtigkeit! " 1) Der Dichter ist am 15. Juli nach Ablauf seiner „Strafzeit" entlassen worden. D. Red. Das sind die Landauer und Toller, die dort untergingen und nutzlos ihr Blut verströmten. Hier zerbrach ein wunderschöner Traum, der zerbrechen mußte, weil er nichts v/ar als ein Traum, nicht einmal eine Utopie. Jetzt endlich erkennt der Dichter die bittre Wahrheit des Leibes: „Jeder lebt sich. Jeder stirbt seinen Tod. Der Mensch Wie Baum und Pflanze, Schicksalsgebundene, vorgeprägte Form, Die werdend sich entfaltet, Werdend sich zerstört." Dies zu wissen, ist schrecklich, aber notwendig. Wer dies nicht weiß, ist verstrickt in Irrtum und unfrei. Wer es erfährt, beginnt den Weg zur Freiheit. So geht „die Frau*4 jetzt den Weg zur Freiheit des Geistes, jetzt, wo sie sterben muß. Wunderbar offenbart sich die Gewißheit des Geistes in den Worten der zum Tode Verurteilten: „Ich lebe ewig!4* Mit diesem Wort überwindet sie Tod und Zerstörung. Und doch ist der Weg zur Freiheit immer noch nicht ganz offen. Da liegt immer noch vor der letzten Pforte der moderne Drache: „Entwicklungslehre44. Die bittere, aber richtige Erkenntnis der Dingewelt gilt dem Dichter nur für heut und morgen. Einst ... da v/ird Gemeinschaft sein . . . werkverbundenes freies Volk. Und so klingt heilige Wahrheit mit Irrtum zusammen in dem großen ekstatischen Bekenntnis: „Ich aber werde ewig, Reiner Von Kreis zu Kreis, Schuldloser Von Wende zu Wende, Menschheit Und einst werde ich Sein.44 Denselben Konflikt wie „Masse Mensch44 zeigt das Drama „Die Maschinenstürmer44. Es führt uns in die als Ludditenbewegung bekannten Aufstände der geknechteten englischen Weber um das Jahr 1815. Streik und Aufruhr herrschen, weil die ausgehungerten Arbeiter ihre letzte Arbeitsmöglichkeit durch die Maschine bedroht sehen. In sinnloser Verzweiflung versuchen sie, die Maschine zu zerstören. Der Dichter erfindet einen Weber , der seine Ideen von der Gerechtigkeit und Gemeinschaft veitritt. Ein moderner Marquis Posa, predigt er hinreißend die künftige