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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 487

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Der Dichter Ernst Toller
Date
1924-01-01
Page
487 (sequence 5)
Language
German
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Bemerkungen: Der Dichter Ernst Toller 487 Spinoza sagt: „So wie das Licht sich selbst offenbart und die Finsternis, so ist die Wahrheit die Norm ihrer selbst und des Irrtums". II. Wir nennen Ernst Toller einen Dichter, weil er uns seine Art in der Form der Dichtung enthüllt. Wir kennen seine Dramen und Gedichte. Diese alle aber geben uns an fast keiner Stelle das, was wir in der Dichtung zuerst suchen, suchen dürfen und suchen müssen: eine Gestalt. Es muß auf diesen wesentlichen Mangel der Tollerschen Dramen hingewiesen werden. Nicht einmal im „Hinkemann", der ein einzelnes Schicksal (erhoben ins Allgemeine, aber doch ein einzelnes Schicksal) darstellen will, ergreift diese Gestalt, sondern nur das ergreift, was sie sagt und was sonst im Drama vor sich geht. Daß der Dichter die Welt und auch die Menschen liebt, und daß er über das Schicksal der Menschen klagt, dies allein ergreift, nicht aber die Schönheit und Häßlichkeit, Schwäche oder Kraft der Menschennatur, aus der die Liebe oder Klage mit innerer Notwendigkeit herausfließen müßte. Und ganz ähnlich steht es mit Tollers Lyrik. Die „Lieder der Gefangenen" sind stofflich bemerkenswert und erregen Mitleid und Zorn. Schließlich bleibt aber dem Leser das Gefühl, mittelmäßige Lyrik gelesen zu haben. (Der Dichter mag dem Bourgeois verzeihen, wenn er revolutionäre Lyrik als Lyrik wertet.) Weit höher ist das Schwalbenbuch" einzuschätzen. Auch hier wird man prägnant Gestaltetes vergeblich suchen. Es liegt aber über dem Buche eine Beschwingtheit, die Beschwingtheit der Schwalbe, die zur Seele wurde. Da schwingt sich eine Seele aus dem Kerker aller müden Seelen, schwingt sich zur Freiheit und zum Licht empor. Also auch in diesem Buch ist es das Große und Köstliche, den Dichter zu hören, wie er uns sagt, daß er liebt. So wird es deutlich, daß Toller zu tiefst weniger Künstler ist als vielmehr Mystiker. Er ist es nicht allein. Es gibt unter den heute dichtenden Juden manchen, bei dem man dies nachweisen könnte. Ein Jakob Wassermann gehört auch dazu, obwohl bei ihm das Künstlerische, die Fähigkeit des Gestaltens, größer ist als bei Toller. Bei Erscheinungen, wie Toller, hat man das Gefühl, er dichte nur, weil es eine andere Ausdrucksform für die Liebe heutzutage kaum gibt, weil es insbesondere heute kaum irgendwo reine Mystik gibt. Menschen wie Toller sprechen von sich und ihrer großen Liebe in der Form von Dramen und Romanen und Gedichten, und sprechen dabei nur von sich und ihrer großen Liebe, ohne daß sie die Fähigkeit, ohne daß sie vielleicht auch nur den Wunsch hätten, zu gestalten, d. h. zu zeigen, wie sie lieben. Es soll das nicht allzu kraß stehen bleiben. Toller ist in seinem Wesen mehr Mystiker als Dichter, aber er ist doch auch Dichter. Seine visionären Szenen in der „Wandlung" und teilweise auch in „Masse Mensch", und vieles andere noch, sind dichterisch eigenartig, und stark. Es sei bei dieser Gelegenheit noch sein Versspiel „Die Rache des verhöhnten Liebhabers" erwähnt, ein liebenswürdiges, heiteres kleines Werk, wohl das Heiterste, was je in einem Gefängnis geschrieben worden ist. Aber es mußte doch gezeigt werden, wie hier wieder in einem jüdischen Manne die mystische Liebe sich mit demDrang paart, das Leben der Menschen politisch und erzieherisch zu beeinflussen. Bei Toller scheint dieses Letzte bisher ein fast ebenso starker Instinkt zu sein wie die Dichtung. Es handelt sich bei ihm hierbei sichtlich nicht um verstandesmäßig konstruierte Tätigkeit, sondern um einen Instinkt, elementaren Trieb, der ihn zu den Menschen, und natürlich zu den Unterdrückten und Schwachen, treibt. Es ist wohl auch anzunehmen, daß er sich in dieser Beziehung während der langen Zeit seiner Gefangenschaft treu geblieben sein wird. Er hat aber, wie wir zeigten, gelernt, daß das Ziel dieser Arbeit, wie es ihm ursprünglich vorschwebte, verkehrt war: es ist nicht möglich, den Geist im Leben der Menschen zu verwirklichen, weil ein viel zu geringer Bruchteil der Menschen dem Geist offen ist und auch von diesem Bruchteil die meisten irregeleitet sind. In diesem Bruchteil, d. h. in vielen einzelnen Menschen den Geist zu erwecken, das ist möglich und eine wichtige Aufgabe. Doch ist es keine Aufgabe der Politik, die die Einrichtungen des menschlichen Zusammenlebens zu verbessern strebt. Ernst Ps nner

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