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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 484

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Der Dichter Ernst Toller
Date
1924-01-01
Page
484 (sequence 2)
Language
German
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484 Bemerkungen: Der Dichter Ernst Toller wunderbarer Menschen, in denen der Verstand die Klarheit der Seele zu trüben scheint. Es ist ihnen nicht gegeben, verstehend das Eine zu wissen, das Eine und Einzige, in die Klarheit und Wahrheit zu kommen. So baut sich der Verstand immer neue Systeme und meint, jetzt habe ers geschafft, bis der Kunstbau zusammenbricht und der Baumeister sich wandeln muß. Bei jedem Bau gibts ein fröhliches Richtfest und, wenn er stürzt, laute Klage. So gehen diese Menschen, selige, unselige, von Wandlung zu Wandlung. Ernst Tollers erstes Drama heißt „Die Wandlung"* Wir vermuten wohl mit Recht darin eine Art geistiger Selbstbiographie. Wir finden einen jungen Juden in der uns aus zahlreichen Beispielen des Lebens wohlbekannten Zerrissenheit: entfremdet dem Judenvolk, sind sie dem Volk, in dessen Mitte sie leben, fremd geblieben, Vereinsamte, Ausgestoßene. Diesen typischen Konflikt versucht der Verstand in der typischen Weise zu lösen: es kommt Krieg und die allgemeine Gefahr, und überschäumend ruft der Dichter: „Nun kommt Befreiung aus dunkler, quälender Enge. Der Kampf wird alle einen. Auferstehen wird der Geist, sich offenbaren in seiner unendlichen Schönheit." „Nun kann ich beweisen, daß ich zu ihnen gehöre." Jetzt entrollt sich vor uns der Krieg in gespenstischer Grausigkeit. Diese Szenen sind dramatisch wohl die stärksten, wenn sie auch mit der Wandlung des Helden noch wenig zu tun haben. Im schlimmsten Grausen des Krieges erfährt er, er bleibe ein Ausgestoßener, Vaterlandsloser. Die Verzweiflung treibt ihn zur letzten Hingabe, zu freiwilliger Meldung für einen todbringenden Patrouillengang. Wie durch ein Wunder gerettet, erhält er die Dekoration und so auch eine Art amtlicher Bestätigung: jetzt gehöre er endlich dazu. Da ist es aber schon zu spät. Der Sieg, dem er seine Errettung verdankt, kostet 10 ooo Menschen das Leben. Er hat erfahren, was Menschenleid ist, und darüber sein kleines Ziel vergessen. „Durch 10 ooo Tote gehöre ich zu ihnen; ist das Befreiung?" Trotz Krieg und Sieg bleibt die teuer erkaufte Zugehörigkeit ein Phantom. Doch das erschüttert ihn kaum noch. Er erfährt, daß es ein Höheres gibt als das Vaterland, das heut doch an den Staat verschachert ist. Er fühlt dieses Höhere, der Verstand findet aber nichts, und so ist der Held unmittelbar vor dem Selbstmord. Da, in tiefster Not, weist sich ein neuer Weg: „Dein Weg führt dich zu Gott, der Geist und Leben und Kraft ist, zu Gott, der in den Menschen lebt. Dein Weg führt dich zu den Menschen." So beginnt der zweite Bau. Wir sehen den Dichter, ähnlich Wassermanns Christian Wahnschaffe, zu den Menschen gehen, um zu erfahren, daß sie elend und schuldig sind. Da ist der Geist nicht zu finden, da ist er zu tief verschüttet. Der Held glaubt erneut sterben zu müssen; so müsse Christus empfunden haben, meint er: „Nicht Römer schlugen ihn ans Kreuz, er kreuzigte sich selbst." Doch noch glaubt er an den Menschen, der gut ist und in dem der Geist nur verschüttet ist. Eine neue Hoffnung erwacht: „Vielleicht gekreuzigt kann er sich befreien!" Der Glaube an den Menschen richtet ihn auf. Der Geist soll wieder erwachen, die Liebe wieder durch den Menschen strömen. So kommt der jubelnde Aufschwung: „Du Jugend schreite, ewig dich gebärend, Erstarrtes ewig du zerstörend, So schaffe Leben, gluterfüllt vom Geist.'< Die Menschen sind nur verzerrte Bilder des wirklichen Menschen, da sie den Geist vergraben haben. Sie könnten wahre Menschen sein, wenn sie den Glauben an sich wiederfänden, wenn sie Erfüllte wären vom Geist. Dies Wissen gibt ihm den Mut, zur Revolution aufzurufen. Er tut dies in leuchtender Begeisterung, ohne auch nur im entferntesten Richtung und Weg der Revolution zu ahnen. Noch scheint ihm der Sieg sicher: wenn die Menschen um den Geist kämpfen werden, werden sie ihn auch erlangen. Nur eine Ahnung taucht auf, daß der Mensch nicht Maß und Ziel der Schöpfung ist, in einem kurzen Gespräch: „Schwester: So muß man sich töten und gebären, um seine Wurzeln zu finden. Friedrich: Dieses Wissen ist nur ein Anfang. Schwester: Und wohin weist es?

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