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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 480

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Um unserer Sünden willen
Date
1924-01-01
Page
480 (sequence 4)
Language
German
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48o Max Brod: aber wer beachtet sie, sobald es zum Ernst kommt? — Der König immer außer Landes, die Schöffen der drei Prager Städte im Streit mit dem Burggrafen und mit andern adeligen Herren; aber darin, daß die Juden ausgetrieben werden sollen, sind sie einig allesamt. Es gibt daher Vorsichtige, die kaufen für viele gute Dukaten einen königlichen Geleitbrief; da sind sie dann für ein volles Jahr vor jeder Behelligung geschützt. Diese glücklichen Menschen heißen „Geleitsjuden". Der Name ist sicher, alles andere aber höchst unsicher und unklar. Denn dürfen etwa die andern, die keinen solchen Brief haben, ohne Begründung weggejagt werden, auch die seit Jahrhunderten in Prag ansässigen Familien? Allerdings findet sich ja immer und gegen jeden ein besonderer Verjagungsgrund, und somit erscheint diese Frage unwichtig. Liegt aber ein besonderer Grund vor, so schützt ja auch der Geleitbrief nicht. Dennoch nimmt man ihn, wirbt mit großen Opfern um das Stückchen Schrift, möchte sich gleichsam seßhaft machen auf dem durchscheinenden Pergament. — David erschrickt, wie ihm einmal die Mutter mit Stolz solch einen Brief vorweist. Es ist ein Dasein aus der Sünde, das wir führen, denkt er, — ein Dasein aus der Sünde kann nichts Besseres bringen als alle unsere Leiden und solch einen Schutz vor ihnen: das im Wind raschelnde, dünne, zerknitterte, beschnörkelte Pergament. Er sieht sich um. Was geschieht rings? Die einen schmuggeln Silber aus dem Land, die andern mischen leichtere schlesische Münze unter das gute Kuttenbefger Geld. In eigenen geheimen Werkstätten werden die Gold- und Silberstücke an den Rändern beschnitten, dann geht das gekippte Geld wieder unter die Leute hinaus. Es ist den Juden verboten, neue Handwerksware herzustellen außer für eigenen Gebrauch. Dennoch wissen jüdische Schneider, Schuster, Sattler ihre Erzeugnisse auch in den Prager Städten zu verkaufen. Aber die Zünfte wachen über ihr Recht, daß Juden nur alte Pelzwaren und alte Kleider auf ihrem Trödelmarkt in der Judenstadt zum Kauf ausbieten dürfen. — Und so geschieht alles, was Juden tun, mit Gefahr von Leben und Leib, geschieht unehrlich und wider das Recht. Wer aber hat die Juden unter solches Recht gestellt, daß Aufbringung ihres Lebensunterhalts ihnen zur Sünde angerechnet wird und daß auch jene, die in guter Ehrlichkeit ihr Brot suchen, die als Fleischer, als fromme und fröhliche Musikanten, als Gelehrte reine Arbeit für die Gemeinde verrichten, daß auch sie an dem Brote jener mitessen, die draußen vor dem Tore Wege des Betrugs und der Sünde gehen und den Haß gegen die Gesamtheit nicht zur Ruhe kommen lassen? — Den Schlingen der Sünde forscht David nach und bald sieht er überall nichts als Schlingen der Sünde. — Angst, Angst, auf allen Pfaden raucht es um ihn von höllischer Angst. Nichts ist ihm rein genug, niemand ist ihm fromm genug. Der Vater, ja der Vater und wohl auch die anderen Gelehrten und die Schüler, die zu seinem Vater kommen, — ja, die sind gewiß fromm, sagt er sich, denn üble Nachrede ist ja auch wiederum eine Sünde, vor der er zurückscheut. Dennoch kann er ein Gefühl in seinem Herzen nicht zum Schweigen bringen, das Gefühl, daß auch die Allerfrömmsten nicht genug tun. Er versteht die Miene voll Zufriedenheit nicht, er versteht nicht, warum

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