Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Um unserer Sünden willen
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 481 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„Um unserer Sünden willen" sie nur einigemal im Jahr, an den Trauertagen klagen, warum nicht ihr ganzes Leben in Tränen und Buße hingeht wie das seine. — Er hat den brennenden Wunsch, mit dem Vater darüber zu sprechen — ein einziges Mal nur. Aber das ist ganz unmöglich. Der Vater würde ihn für einen Neuerer halten, und das wäre der Sünde Übermaß auf seinem Haupt; vor dem Vater fühlt er ja seine Sünde doppelt schwer, die Sünde seines geringen Talents, die Sünde seines mangelnden Fleißes, die Sünde, daß er sich lieber mit den Erzählungen des Thalmud beschäftigt als mit dem festen Grund der Dienstes- und Lebensanordnungen in dem heiligen Werk. Wohl hat es auch früher solche Liebhaber der Erzählungen gegeben, der Thalmud selbst berichtet von ihnen, — aber es ist unerlaubt, es ist zu leicht und zu süß, es ist sündhaft. Sündhaft ist auch seine Begierde, mit dem Vater über eine so entfernte und ungewöhnliche Sache, wie es seine Gedanken sind, reden zu wollen, — ebenso sündhaft ist es freilich, diese Gedanken dem Vater zu verhehlen. Wie er sich auch stellen mag: er entgeht der Sünde nicht. Sie ist die Luft, die er atmet, sie ist das Schicksal seines Volkes, ist der Grund dieses Schicksals wie auch des Schicksals ewige Unauflöslichkeit. Vergebens legt er nachts einen Stein unter seinen Kopf, den Dämonen entrinnt er nicht. — Aus dem Schlaf schreit er auf. Es ist das Sch'ma-Gebet, das aus seinen gekrampften Lippen springt. Ein erhabenes Zeichen . . . denn wer aus dem Schlafe das Sch'ma betet, ist zu einem Propheten vom Range des Moses ausersehen und nur das Zeitalter hindert ihn an solcher Vollkommenheit, denn das Geschlecht ist nicht würdig, daß ein Moses in ihm erstehe. — David aber weiß dieses Zeichen besser zu deuten. Es ist der bocksgestaltige Dämon der Hoffart, der ihm solchen Schlaf und solchen Schrei eingegeben hat, um ihn um so leichter zur Selbstüberhebung zu verführen. Am liebsten möchte David unaufhörlich beten. Solange er betet, ist er ruhig, — aber schon die letzten Worte des Gebets bringen die Angst wieder herauf. Schon das bloße Aufhören eines Gebetes erscheint ihm, wiewohl er dies nirgends gehört oder gelesen hat, als Sünde, ja als die Ursünde, die schlimmste von allen. Denn würde man immer nur beten, so könnte auf Erden nichts Böses geschehen. Mitten während einer reinen Handlung vom Tode überrascht zu werden, ist seine heiße Sehnsucht. Aber anstatt fleckenloser Ruhe der Seele wird ihm immer nur solch ein Angstschauer zuteil, der ihn aufschüttelt, wenn er sich dessen am wenigsten versieht. Wohl weiß er auch ein Gebet gegen diese Angstschauer, — aber da in diesem Gebet der Gottesname vorkommt, darf man es nicht an unreinen Orten sprechen. Und bald erscheinen ihm alle Orte, die er mit seinen Sünden betritt, als unrein. So gewöhnt er sich an eine Zauberformel, die das Gebet gegen die Angst ersetzen und den Satan in die Ferne ableiten soll: „Weg, Satan! Die Ziegen auf der Schlachtbank sind fetter als ich." Mit dieser Formel, die er häufig wiederholen muß, schlägt er sich freudlos durchs Leben, Heft 8. 31