Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Um unserer Sünden willen
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 479 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101209-3109549--7242-3109615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Um unserer Sünden willen** 479 Der alte Simson Lemel hat längst die Hoffnung aufgegeben, daß sein Sohn ein Gelehrter, ein Gerichtsbeisitzer der Gemeinde werde. Jahr um Jahr vergeht, ohne daß eine Wendung zu besserer Einsicht geschähe. Aus dem Kind ist ein junger Mann geworden, blaß, doch kräftig, mit breiten Schultern, trotz der kleinen Gestalt mit stämmiger Brust. Alle Entbehrungen, die er sich auferlegt hat, haben seiner Gesundheit nichts anhaben können. Doch gramvoll schreitet er einher, das Haupt demütig gesenkt, wie es einem jüdischen Jüngling geziemt, — dabei kennt er keinen langsamen Gang, immer ist Eile in seinen Schritten. Seine unmäßig großen Schritte greifen so weit aus, daß der ganze Körper samt dem schweren, zwischen die Schultern gezogenen Schädel bei jedem Tritt vornübersackt. Wohin eilt er denn? Was hat er so dringlich zu besorgen? Er weiß es nicht. Weiß auch nicht, daß er sich mit seinen schnellen übergroßen, fast hinstürzenden Schritten einreiht in die wimmelnde Schar aller übrigen Prager Juden, ja aller Juden vom Levantinermeer bis zur Baltischen See. — Sie alle sind immer in hastigem Lauf, sie sorgen, häufen auf, vergleichen, berechnen, und es scheint sie wenig zu kümmern, daß Ausweisung, Plünderung (und Ärgeres noch) stündlich über ihren Häuptern schweben. Jüngst hat auf der Folter die Messnerin von Enns ausgesagt, verdächtigen Menschen eine Hostie verkauft zu haben, die Stücke davon an sieben Gemeinden sandten, — schnell aufgegriffene Juden gestehen dann, gleichfalls auf der Folter, daß sie für einen Gulden solche Hostienteile gekauft, mit Nadeln zerstochen hätten, bis Blut hervorgespritzt und das Antlitz eines kleinen Kindes auf dem gequälten Kuchenstück erschienen sei. Dann hätten sie den blutenden Teig schnell in den brennenden Ofen gesteckt, aus dem aber seien unter gewaltigem Sturmwind zwei Engel und zwei Tauben hervorgeflogen. — Namen von Mitschuldigen, soviel man nur will, liefert die peinliche Frage. Das Ende ist, daß einige Dutzend Juden den Scheiterhaufen besteigen. — Grasser Schrecken faßt die Nachbargemeinden. Man ordnet einen Fasttag an, man betet, schreit zu Gott um Schonung, — um Aufschub wenigstens. — Aber schon am Abend des Fastens wirft man sich mit eisernem Spürsinn auf neue Geschäfte, nützt die Privilegien, macht eifrig Gebrauch von landesfürstlicher Erlaubnis, Zinsen und Pfänder für Darlehen zu nehmen, was den christlichen Kaufleuten, um sie vor Verächtlichkeit zu schützen, untersagt ist. Der verächtliche Jude darf wuchern, darf glitzernden Reichtum, Seide und Gold einraffen in seine schwarzen kotigen Winkelgassen, — bis der Haß des Volkes nicht länger zu halten ist, mit Brechstangen und Schwertern in die Verstecke dringt. Fünfmal binnen hundert Jahren hat man die „Prager Gasse" überfallen, mit Brand und Mord bis auf das letzte Stück Ware ausgeplündert. Aber am Tage, nach der Schlacht hat die fleißige Sammelarbeit von neuem begonnen Man will leben, unter allen Umständen leben. Ein elendes Leben freilich — und doch kann man es ja nicht aufgeben für Kind und Kindeskind. Sind ein paar Jahre ruhig verlaufen, so rumort es doch wenigstens von Ausweisung in der Luft. Wohl gibt es alte Freibriefe der Judenschaft,