Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Um unserer Sünden willen
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 478 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Brod: furcht und Gelehrsamkeit bilden soll, interessieren ihn gerade diese Schriften, die Nachrichten über Verteidigung und Fall der Stadt enthalten. Er will ergründen, ob im Kampfe nichts versäumt worden sei. Ihm wird ein wenig leichter ums Herz, wenn er findet, daß man bis zum Äußersten, bis zum Verschmachten gekämpft hat. Er hält es durchaus mit der Zelotenpartei, mit Gorion und Abba Sikra, und billigt es, daß nach Übergabe der Feste Bettar die Lehrer ihre Schulkinder in Thorahrollen gehüllt und verbrannt haben. — Und da er den Opfermut der Verteidiger so erhaben, ihre Kriegskunst unübertrefflich findet, zerbricht er sich den Kopf über den Grund des ungünstigen Ausgangs. Von den vielen Mutmaßungen, die die alten Schriften anstellen, macht die Erzählung vom Meister und vom Lehrling den tiefsten Eindruck auf ihn. Ein Handwerksmeister in Jerusalem, so wird berichtet, mußte einmal von seinem Lehrling Geld leihen und schickte seine Frau, um die Geldsumme zu holen. Der Lehrling behielt die schöne Frau bei sich und wußte es durch allerlei Betrug dahin zu bringen, daß der Meister sich von ihr scheiden ließ. Wie dann der Meister die Schuld nicht bezahlen konnte, sagte ihm der reichgewordene Lehrling: Komm und arbeite deine Schuld bei mir ab. Lehrling und Frau sitzen beim Mahle, der Meister bedient die beiden, und wenn er einschenkt, rollen Tränen aus seinen Augen und fallen in ihre Becher. „In dieser Stunde ist der Gerichtsbeschluß über die Juden besiegelt worden". — Die Seele des Knaben schmilzt dahin in Zerknirschung über die Sünden der Vorzeit. O wenn er doch durch Beten, durch unablässige Kasteiung alles sühnen, wenn er ein wahrhaft guter, frommer, barmherziger Mensch werden könnte! — Nur das, was die Schule von ihm verlangt, das Hin- und Herwenden schwieriger Festregeln, die Erforschung der Ausnahmen, die geistvolle Vereinigung entgegengesetzter Lehrmeinungen: das kann er nicht leisten. — Dagegen folgt ihm das Schicksal des grausamen Tyrannen Titus in seine Träume. Wie der Frevler nach Verwüstung der heiligen Stadt Gott selbst zum Kampfe herausfordert: „Im Meere hast du den Pharao versenkt, aber auf dem Trockenen habe ich deine Kinder geschlagen und du warst machtlos gegen mich." Da sendet Gott ein kleines verachtetes Geschöpf, eine Mücke, die dringt durch die Nase des Cäsar in sein Gehirn. Sieben Jahre frißt sie sich dort satt. Nach seinem Tode will einer sie gesehen haben, da man den Kopf des Toten zerspaltete. Sie war so groß wie eine Schwalbe, ihr Mund aus Erz, die Nägel von Eisen. — Um den bohrenden Schmerz zu betäuben, muß der Kaiser Schmiede kommen und in seinem Zimmer hämmern lassen, wofür er einem Nichtjuden vier Sus gibt, einem Juden aber nichts, indem er sagt: „Es genüge dir, daß du deinen Feind leiden siehst". — „Dreißig Tage tat er so, von da ab jedoch war das Tier daran gewöhnt, und auch dieses Mittel verfing nicht mehr." — David lacht wild auf bei solchen grausamen Bildern, und weniger als je kümmert er sich um die Vorschriften des alten Zivil- und Strafprozesses. Ach, es ist kein Wunder, daß die Studien nicht gedeihen. Süß sind die Träume des weichen Herzens, süß auch die Träume blutiger Rache, Jahr um Jahr vergeht im Traum.