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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 477

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Um unserer Sünden willen
Date
1924-01-01
Page
477 (sequence 1)
Language
German
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Max Brod: „Um unserer Sünden willen" 477 MAX BROD / „UM UNSERER SÜNDEN WILLEN" Ein Kapitel aus dem unveröffentlichten „Messias-Roman der Renaissance" — „David Reubeni". Seit mehreren Jahren arbeitet Max Brod an einem Roman „Reubeni", aus dem er uns das 5. Kapitel des 1. Teiles zur Verfügung stellt. Hierzu schreibt der Dichter: „David Reubeni trat 1524 auf und verschwand 1532 in den Kerkern der Inquisition. Er wollte Palästina mit Waffengewalt für das jüdische Volk erobern, unter Mitwirkung des Papstes und der damals größten Kolonialmacht, des Königs von Portugal. Graetz erklärt ihn natürlich für einen Betrüger. Daß er das nicht war, vielmehr eine geniale, weitblickende und magisch wirkende Persönlichkeit, vielleicht der erste durchaus weltlich orientierte Politiker der Diaspora, beweisen seine kürzlich von Abraham Kahane (Warschau) herausgegebenen Reisetagebücher (Sefer neßioth). — Die Jugend des Helden habe ich, durchaus frei gestaltend, nach Prag verlegt. Hiefür besitze ich keinen andern Anhaltspunkt als die Tatsache, daß nachdem Gericht über Reubeni und seinen Freund Molcho die Fahne der beiden und der Gebetmantel des letzten nach Prag gebracht wurden, wo sie sich noch heute (in der Pinkassynagoge) befinden.'« Der Knabe fastet. Er will, gleich dem Vater, nicht im Bett schlafen. Auf dem Fußboden schläft er ein, muß von der Mutter ins Bett gehoben werden. Er wird mager, er beginnt zu hüsteln. Dabei leidet das geregelte Studium. Er lernt und liest wohl Tag und Nacht. Aber die rechte Methode scheint es nicht zu sein. Wenn man ihn abhört, weiß er von Woche zu Woche weniger Antwort. Den Weisungen des Lehrers folgt er nur widerwillig, widersetzt sich, wenn auch mit versagender Stimme. — Oft sieht man das Kind weinen, die Hände ringen. Seine Miene hellt sich niemals auf. Die großen schwarzen Augen verlieren ihren Glanz. Seit jenem neunten Aw liegt Schrecken auf ihm. Er fürchtet den Vater. Er erwartet immer das Niedersausen des Schlags, den er verdient und nicht erhalten hat. Der Vater hatte ja durchaus und immer Recht. Durch verstärkten Eifer sucht der Knabe ihn für sich zurückzugewinnen, — doch ist es immer so wie in jener langen, schrecklichen, mondschillernden Nacht: der Vater sieht ihn gar nicht, kümmert sich nicht um ihn. Zwar spricht der Vater mit ihm, — doch sind es allgemeine Worte, nie eines, das deutlich nur für ihn bestimmt und nicht an irgendeine Schar beliebiger Söhne gerichtet wäre. Nur damals, noch vor jenem unsichtbaren, unfühlbaren, immer allgegenwärtigen Schlag, nur damals hatte der Vater unmittelbar mit ihm gesprochen, — das letzte liebreiche Wort galt der „Schönheit Israels", die aus den Himmeln fiel. Dieses Wort bleibt. Täglich von neuem gewinnt es qualvolles Leben in Davids Herz. Das letzte Vaterwort, ehe Groll den segensreichen Mund verschloß. Und zerknirscht setzt David Tag für Tag hinzu: „Um unserer Sünden willen gingen wir in die Verbannung/' Sehr oft liest er nun im Traktat Gittin die Erzählungen von Jerusalems pall, den Midrasch Echoh rabbah, den „jüdischen Krieg" des Josippon. Mehr als die vorgeschriebenen Abschnitte, nach denen er sich planmäßig zu Gottes-

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